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Wenn Babys fremdeln

Ganz plötzlich verwandelt sich ein lachender Sonnenschein. Eben wurde noch jeder angestrahlt, doch das ist vorbei. Viele Kinder fremdeln mit etwa acht Monaten, einige auch früher, andere später. Warum fremdeln Kinder und wie können Eltern helfen?

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Baby fremdelt, blickt zwischen Beinen hindurch
Kinderhand zeigt auf wachsende Pflanze

Ein wichtiger Entwicklungsschritt

Ein neues Gesicht beugt sich über den Kinderwagen? Juhu! Der völlig Fremde wird fröhlich angelacht. So geht das über viele Monate. Doch von einem Tag auf den anderen ist die Reaktion eine ganz andere: das Baby weint heftig, hat anscheinend Angst vor dem neuen Gesicht. Dieses "Fremdeln" ist ein wichtiger Einschnitt in der Entwicklung deines Babys.
Mit sieben, acht Monaten werden kleine Weltentdecker mobiler. Sie robben zu oder krabbeln sogar zu einem bestimmten Ziel, nehmen ihre Umwelt und Gesichter bewusst wahr. Wenn das Baby erkennt, dass das kein vertrauter Mensch ist, der sich ihm nähert sondern - wie der Name so schön sagt - ein Fremder reagiert es mit Angst und Abwehr.

Das Baby lernt lieben

Wenn ein Baby mit Schrecken oder Weinen reagiert, sind nicht nur die Fremden, sondern auch die Eltern verunsichert. Kinder in diesem Alter „klammern“ sich eng an ihre Mama, mögen sie oft gar nicht mehr loslassen. Das ist ein Kompliment! Denn das Kind merkt nun, dass es ein eigenes „Ich“ hat und dass seine Mutter kein Teil von ihm ist. Die ist nämlich gar nicht immer da! Eine Erkenntnis, die das Baby tief verunsichert und auf die es mit Weinen und Klammern reagiert. In dieser Entwicklungsphase verfolgen einige Babys ihre Mütter regelrecht, versuchen ihr immer hinterher zu kommen, weinen, wenn sie den Raum verlässt. Und die fremde Person? Etwa die Oma, die extra aus München nach Flensburg gereist ist. Das ist „Nicht-die- Mama“, merkt das Baby und reagiert mit Abwehr und Weinen.

Ein Schutzmechanismus, der einst das Überleben sicherte

Der Grund für diese Reaktion ist uralter Schutzmechanismus. Denn die ängstliche Reaktion schützt den kleinen Menschen. Denn auch wenn kleine Forscher in diesem Alter schon vorsichtig erste Entdeckungsreisen machen, in dem sie robben, rollen oder krabbeln – Gefahren können sie in diesem Alter noch gar nicht erkennen. Da ihnen der Fremde aber unheimlich vorkommt, suchen sie instinktiv Schutz und die Nähe zu ihrer Mutter.

Für Väter – denn der sichere Hafen ist fast immer das Elternteil, das am meisten zu Hause ist – eine anstrengende Zeit. Gerade wenn der Vater beruflich sehr eingespannt ist und oft spät nach Hause kommt, fremdeln einige Babys jetzt selbst bei Papa. Sie weinen, strecken die Arme sehnsüchtig zur Mama hin. Das ist frustrierend für die ganze Familie: Väter fühlen sich abgelehnt, Mütter fühlen sich verantwortlich und haben nun das Gefühl, sie müssten sich jederzeit kümmern und hätten keine Pause. Hier hilft – wie häufig – die Erkenntnis, dass diese Phase vorübergeht und dass es eurem Baby hilft, wenn ihr sie gemeinsam gut durchlebt.

Wichtig ist, dem Baby jetzt keine ungewollte Nähe aufzuzwingen. Viel zu dritt machen - idealerweise gibt es auch Papa-Kind-Spielzeiten oder einen gemeinsamer Papa-Baby-Kurs. Sehr bald merkt eurer Kind: „Der“ kommt ja jeden Abend und dann machen wir etwas Lustiges, gucken ein Buch oder kuscheln. Eines Tages kommt schließlich der Zeitpunkt an dem Papa der Held ist und seine Heimkehr der Höhepunkt des Tages. Da fühlen sich dann Mütter manchmal ausgeschlossen.

Mutiger Forscher oder scheues Reh?

Nicht jedes Kind reagiert mit Angst auf Unbekanntes. Bei einigen überwiegt einfach die Neugier, andere verstecken sich eigentlich schon immer und neigen dazu, schreckhaft zu sein. Je älter dein Kind wird, desto mehr zeigt sich sein ganz persönlicher Charakter. Auch seine ersten Erfahrungen haben es schon geprägt: Babys, die viele lustige Kontakte mit unbekannten Erwachsenen haben und angelacht werden, mögen das. Andere Kinder, die von lauten Stimmen aus dem Schlaf gerissen wurden oder eine Untersuchung vom Kinderarzt gar nicht mochten, finden Unbekannte gar nicht gut. Jedes Kind ist anders – das sollten wir Erwachsenen respektieren.

Wie können Eltern dem Baby helfen?

Ganz wichtig ist es, das Kind und seine Angst ernst zu nehmen. Ein Baby, das nicht geknuddelt werden möchte oder sich vor der unbekannten Großmutter scheut, sollte nicht gezwungen werden, die Nähe auszuhalten. Es hilft, wenn das Kind sich bei Mama oder Papa festhalten kann. Am sprichwörtlichen „Rockzipfel“, denn der gibt Sicherheit. Für das Baby ist das Gefühl der Geborgenheit wichtig und es spürt, dass es sich auf seine Eltern verlassen kann. Zumeist traut es sich dann doch, ein wenig vorsichtig mit der Oma zu flirten. Wenn diese es anlächelt und nicht beleidigt reagiert kann daraus kann ein tolles Spiel werden. Sobald das Eis gebrochen ist, wird die Fremde dann in den Kreis der vertrauten Gesichter aufgenommen.

Eltern können ihr Kind in dieser Entwicklungsphase auch spielerisch unterstützen. Kuscheltiere können in der Wohnung verteilt werden und gemeinsam gefunden werden. Auch sich unter eine Decke verstecken und mit lauten Rufen wieder auftauchen – das lieben Babys in diesem Alter. Alles taucht wieder auf. Mama, Papa, die Kuscheltiere und auch das Baby selbst. Das gibt Vertrauen.

Wichtig ist, dass ihr in dieser anstrengenden Zeit gut für euch selbst sorgt: sobald das Baby schläft, ruht euch aus. Die Hausarbeit kann warten – und im Unterschied zum Baby auch delegiert werden. Nur wenn ihr zwischendurch kleine Auszeiten habt, könnt ihr mit neuen Kräften wieder eurer Elternrolle nachkommen.

Mit jedem Tag lernt das Kind, dass sich seine Liebsten von ihm trennen – aber Mama wieder aus dem Bad kommt, Papa nur kurz einkaufen war. Es lernt, dass unbekannte Menschen nicht beängstigend sein müssen. Und dann wird es sein wunderbares Lachen auch wieder großzügig verschenken.

Wenn du weiterführende Fragen hast, stelle sie unserer Expertin Melanie Schüer in ihrer Gruppe >>Leben mit Baby: Schlafen, Schreien, Glücksmomente oder direkt in unserer >>Online-Beratung!