Interview

Wer weint denn da? Ein guter Start in den Krippen-Alltag

Dr. Petra Kapaun im Interview mit ElternLeben über die Betreuung Zuhause, bei der Tagesmutter und in der Krippe. Was können Eltern tun, damit das Kind sich gut in der Krippe eingewöhnt? Wie überwinden sie den Trennungsschmerz? Ratschläge für Eltern, um gut in den Krippen-Alltag zu starten. 

Interview
Baby weint auf dem Arm der Mutter

ElternLeben: Viele Eltern planen, ihr Kind mit einem Jahr in die Krippe oder zur Tagesmutter zu geben. Wie stehen Sie dazu als Kinderärztin?

Dr. Petra Kaupaun: Eltern fragen häufig, ob es für die Entwicklung des Kindes okay ist, wenn es in die Krippe kommt. Es ist okay, wenn es in eine gute Krippe kommt. Kommt es hingegen in eine mit vielen Kindern, die da nur ‚rumliegen’, dann ist es nicht gut. Es hängt von der Qualität der Krippe ab – wie gut sind die Erzieherinnen ausgebildet, wie groß sind die Gruppen, etc. Man kann nicht generell sagen, dass die Krippe an sich gut oder schlecht ist. Es gibt zwar Leute, die behaupten, dass eine frühe Trennung nicht gut für die Entwicklung des Kindes ist, aber das sehe ich ein bisschen anders. Ich sage den Eltern immer, dass es auf das Temperament des Kindes ankommt. Es gibt Kinder, die trennen sich einfacher und es gibt Kinder, die sich nicht so gut trennen. Um das heraus zu finden, frage ich zum Beispiel, ob es schon alleine ins Bett gelegt werden kann und ob es zum Beispiel bei der Oma auf dem Arm bleibt.

Es lässt sich also nicht generell sagen, ob eine Betreuung zuhause besser ist als in der Krippe?

Es ist schon so - wenn man die Kinder untersuchen würde – dass kein Kind in der Krippe ohne Stress ist. Ich finde, die Kinder haben mehr Stress dort. Es ist laut, da sind viele Kinder, es ist nicht der gleiche Rhythmus, es kann nicht immer Rücksicht genommen werden. In einer Krippe gibt es feste Essens- und Schlafzeiten. Was ist, wenn das Kind nicht um 12:30 Uhr schlafen möchte? Dann hat es ein Rhythmus-Problem. Es ist mir wichtig, Eltern zu sagen, dass es natürlich nicht so gut in der Krippe wie zuhause ist und es eine frühe Trennungsphase ist. Ich bin auch kein Fan davon, die Kinder im ersten Lebensjahr dorthin zu geben, aber wenn es denn sein muss, dann muss man keine Angst davor haben. Und, wie gesagt, es kommt auf die Qualität der Einrichtung an.

Ist die Krippe wichtig für die Entwicklungsförderung des Kindes?

Auf diese Frage von Eltern sage ich immer: „Nee.“ Das Wichtige ist, dass Kinder spielen, singen und Spaß haben können und das geht überall. Die Kinder gehen nicht in die Krippe, um gefördert zu werden. Förderung passiert zuhause im Spiel mit den Eltern. Es macht eine gute Krippe aus, dass die Erzieherinnen auf die verschiedenen Alter der Kinder Rücksicht nehmen und mit ihnen entsprechend spielen. Und so gut es geht, auch auf die Individualität des Kindes eingehen. Dennoch muss immer bedacht werden, dass so große Gemeinschaftseinrichtungen gar nicht so gut sein können wie die individuelle Situation zuhause.

Viele Eltern leiden sehr, wenn das Kind morgens beim Abschied weint. Ist das ein Zeichen, dass das Kind mit der Krippensituation überfordert ist?

Ich sage dann „Gott sei Dank weint es.“ Es ist so, dass ein Kind, wenn es sicher in seinen Beziehungen und in seinem Bindungsmuster ist, bei der Trennung weinen muss. Eine Trennung ist traurig und das Kind weint auch wieder, wenn man es abholt. Das ist ein Zeichen dafür, dass eine Bindung da ist.

Wie lässt sich die Eingewöhnung in der Krippe gut planen?

Es ist ganz entscheidend, dass die ersten Versuche in der Krippe nicht mit Zeitdruck verbunden sind. Es ist gut, wenn die Eltern die Eingewöhnung so planen, dass ein Elternteil vier Wochen Zeit hat, in denen sie oder er noch nicht arbeiten muss und das Kind in Ruhe dort eingewöhnen kann. Trennung kann man üben. Es ist beispielsweise gut, wenn man das Kind auch vor der Eingewöhnung in die Krippe schon mal zur Oma oder zu einer Freundin bringt. Auch der Tag sollte so geplant werden, dass das Kind nicht morgens aus dem Bett gerissen wird, weil die Mutter oder der Vater um sieben arbeiten muss, sondern dass beide ein bisschen Zeit haben, um sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Ist es immer nur der Trennungsschmerz der Kinder?

Eltern sollten sich Gedanken dazu machen, wie sich die Trennung für sie anfühlt. Dann wissen sie vielleicht auch, dass es manchmal mehr ihr eigener Trennungsschmerz als der des Kindes ist. Wenn es gar nicht klappt mit der Eingewöhnung und die Kinder weinen und die Eltern damit nur schwer umgehen können, dann ist es nicht selten, dass beide weinen. Dann sollten sich Eltern fragen, wie sie in ihrem bisherigen Leben mit Trennungssituationen umgegangen sind.

Es gibt zum Beispiel Eltern, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ihr Kind in die Krippe geben müssen. Und sich dann aber damit trösten, dass das Kind es möchte, weil es in der Krippe die Möglichkeit hat, andere Kinder kennen zu lernen. Entwicklungspsychologisch spielen die Kinder mit einem Jahr aber noch nicht miteinander. Die Eltern schieben so ihre eigenen Motive auf ihre Kinder. Im Prinzip passiert dabei eine Umbewertung. „Wichtiges“ und „Dringliches“ kommen dann manchmal durcheinander: Die Eltern wissen z.B., dass es wichtig ist, mit den Kindern zu spielen, aber manchmal erscheint es ihnen dringlicher, noch einkaufen zu gehen. Wenn die Eltern dann sagen, sie müssen ja einkaufen und können deswegen nicht mit dem Kind spielen, aber das Kind spielt ja auch gern in der Krippe, dann ist es eine Umbewertung. Es ist also wichtig, dass die Eltern ihre eigenen Gefühle kritisch hinterfragen und nicht die vermeintlichen Gefühle und Wünsche des Kindes zur eigenen Entlastung nutzen.

Was können die Eltern selber tun, damit das Kind den Alltag in der Krippe gut bewältigen kann?

Man muss dafür sorgen, dass man morgens vor der Krippe und am Nachmittag auch noch Zeit für die Kinder hat. Und zwar richtige Spielzeit. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil die Mutter häufig morgens schon im Stress ist, weil sie früh anfangen muss zu arbeiten. Diesen Stress muss man vermeiden, damit die Kinder nicht durcheinander kommen und etwas Verlässliches haben – also entweder später mit dem Job beginnen oder früher aufstehen. Und für den Nachmittag ist es nochmal wichtig zu wissen, dass die Abholzeit genauso schwierig ist wie die Bringzeit.

Nach dem Abholen haben die Kinder im Unterschied zu morgens die ganzen Stunden drauf, die sie in der Krippe verbracht haben. Da müssen die Eltern wissen, dass sie keinen Anspruch darauf haben, dass die Kinder gut gelaunt sind. Die sind genervt, fertig und erschöpft. Das heißt, nach dem Abholen aus der Krippe muss man ein ruhiges Programm machen. Viele Eltern machen den Fehler und denken ‚Jetzt habe ich mein Kind schon so lange in der Krippe gelassen, jetzt muss ich für ganz viel Unterhaltung sorgen, ein Eis essen gehen, etc.‘, das ist viel zu viel. Die Kinder brauchen morgens und nachmittags eine ruhige Zeit.

Und noch ein letzter Rat an die Eltern?

Eltern sollten sich genau die Rahmenbedingungen ihrer Familie ansehen: Welche Wünsche haben Sie in Bezug auf den Wiedereinstieg? Wie sind die finanziellen Notwendigkeiten? Wie gut kann sich das Kind bereits auf eine fremde Betreuung einstellen? Dann sollten die Eltern gemeinsam eine Entscheidung treffen und dem Kind gegenüber auch klar dazu stehen. Es ist für ein Kind nicht hilfreich, wenn es morgens von Mutter oder Vater hört „Wir gehen jetzt in die Krippe“ und dabei mit Stimme oder Mimik die Botschaft vermittelt bekommt, dass Mutter oder Vater selber sehr unsicher sind mit dieser Entscheidung.

Petra Kapaun

Dr. Petra Kapaun ist Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in der kinderärztlichen Gemeinschaftspraxis Hoheluftchaussee. Mit ihrer Ausbildung in Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie liegt ihr Schwerpunkt auf der präventiven Gesundheitsförderung im Sinne "Früher Hilfen".