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Elternzeit für Väter: Ein Erfahrungsbericht

Noch nie war es für Väter so einfach wie heute, sich von Anfang an um ihre Kinder zu kümmern. Das Elternzeitgesetz macht’s möglich. Doch was gesetzlich erlaubt ist, muss bei manchem Arbeitgeber erst einmal in gängige Praxis umgesetzt werden. Schon allein das Gespräch darüber mit dem Vorgesetzten kann zur Herausforderung werden. Hier ein ermutigender Erfahrungsbericht für euch.

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Vater in der Elternzeit - Spiel mit dem Kind

Ja, ich mach's!

Der zweite Zwickel hatte sich angekündigt, und diesmal wollte ich die Elternzeit richtig nutzen. Ich war frisch in einem neuen Job gestartet. Mein Verantwortungsbereich war gewachsen und zeitgleich meine Skepsis, wie mein nächst höherer Chef auf meine Anfrage reagieren würde. Er galt als eher konservativ, unsere Büros lagen auf einem Gang. Letzten Endes siegte mein Pflichtbewusstsein über die Vernunft und ich reichte zur Geburt drei bis vier Wochen Urlaub ein.
Ich vereinbarte einen Termin mit der Personalabteilung und meinem Chef. Dazu legte ich mir eine lange Argumentationskette zurecht und informierte mich über meine Rechte und Pflichten.

Dies alles mit der leicht naiven Vorstellung, gemeinsam mit den beiden Parteien eine Lösung zu finden, die sowohl meinem Wunsch nach Elternzeit nachkommen als auch meiner Karriere möglichst wenig schaden möge. Die ich-will-alles-Nummer eben.
Meine Vorstellungskraft reichte von der Idee Teilzeit zu arbeiten bis hin zu einer Pause von 3 oder 6 Monaten. Der Termin verlief etwas anders: Es gab kaum Feedback zu meinen Vorschlägen, weder Muh noch Mäh, das einzige was ich hörte war, ob ich mir denn Teilzeit in meinem Job tatsächlich vorstellen könne. Die Länge der Elternzeit müsse ich schon unter Berücksichtigung aller Umstände selber festlegen und wie ich mir die Überbrückung meines Jobs vorstelle und durch wen.

In der Folgezeit sprach ich viel mit meiner Frau, Kollegen und Freunden und kam langsam aber sicher zu der Erkenntnis, dass es letzten Endes nicht meine Sorge sein sollte, wer meine Aufgaben in meiner Abwesenheit übernehmen würde. In dieser Haltung ging ich gestärkt in die nächste Runde – und das dann folgende Gespräch mit der Personalabteilung und meinem Chef gewann eindeutig an Kontur: ich marschierte rein, sagte so etwas wie: „ich bin im Januar weg, und dann 3 Monate im Dezember bis Februar, und danach könnte ich zwar in den selben Job zurück, aber möchte dann was anderes machen, und zwar am liebsten in die U.S.A.“ – Zugegebenermaßen hatte ich schon viele Optionen vorher mit meinen Kontakten ausgelotet und natürlich mit meiner Frau besprochen. Und, oh Wunder, das wurde ohne großes Gedöns akzeptiert – egal ob sich meine Vorgesetzten darüber nun besonders gefreut haben oder nicht.
Ich wiederum habe mich sehr gefreut, dass mir die Firma und meine Vorgesetzten nicht nur den Weg für die Elternzeit, sondern später auch für die Auslandswünsche freigemacht haben – und nach drei 

In spannenden Monaten mit unseren Kindern habe ich nicht nur eine tiefere Bindung zu ihnen entwickelt, sondern bin auch im Beruf motivierter als vorher.  Es hat sich also für alle Seiten gelohnt. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Karriere leidet und war später sehr erstaunt zu erfahren, dass ich der erste Manager im Geschäftsbereich war, der Elternzeit genommen hatte – aber es sollten bald viele weitere folgen.

Autor: Michael Gensheimer