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Schüleraustausch geht auch ohne Reisen - Gastfamilie werden

Schüleraustausch ist eine tolle Idee. Ein anderes Land, eine andere Kultur intensiv kennenzulernen – davon träumen viele.  Aber dafür muss man gar nicht weit weg fahren – es reicht auch, das eigene Heim zu öffnen …

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Drei Jugendliche beim Schüleraustausch machen gemeinsam Notizen

Ein Jahr in Australien leben – das war Johannas großer Traum

Damals, als Teenager traute sie sich nicht, so weit von zu Hause weg zu gehen, ihre Eltern waren auf ihre Mithilfe mit den kleinen Geschwistern angewiesen. Und teuer war so ein Austauschjahr auch. Aber das Fernweh blieb.
Heute ist Johanna erwachsen, hat einen tollen Job, zwei Kinder und gemeinsam mit ihrem Mann ein schönes Haus in einem Vorort. Ihr Liebe für das Reisen und fremde Länder hat sie ihren Kindern mitgegeben. Ob ihre Kinder vielleicht später den großen Traum wahrmachen und Austauschschüler werden? Als Johanna das ihrer Freundin Antje erzählt, muss diese lachen. „Meist wollen Kinder doch das Gegenteil der eigenen Eltern. Und dann die Sache mit dem verkürzten Gymnasium? Wir haben und darum entschieden, dass wir uns einfach die große weite Welt zu uns holen. Wir werden Gastfamilie.“ 

Die Welt zu Hause - als Gastfamilie

Ein paar Monate später treffen sich Antje und Johanna wieder und Johanna ist sehr gespannt. Wie liefen die ersten Wochen mit Julie, der Austauschschülerin aus dem US-Bundesstaat Ohio? „Am Anfang war sie unendlich schüchtern, ich glaube ich habe sie ein wenig verschreckt, als ich sie mit in die Sauna nahm,“ sagt Antje. „Sie kannte es nicht, dass man nackt sauniert und im Badeanzug war das natürlich nicht erlaubt. Daran, dass das in Amerika anders ist, hatte ich nicht gedacht.“ Auch einige andere Dinge kannte Julie nicht. Radfahren etwa. Und dann war auch noch die Sache mit den Türen …

„Wir hatten tatsächlich auch ein Problem, das richtig schwierig hätte werden können,“ berichtet Antje. Etwa zehn Tage nach Julies Ankunft kam die Betreuerin, sie unterhielt sich mit Julie allein und auch allein mit uns. Julie würde sich sehr wohl fühlen. Und sie könne auch verstehen, dass die Familie am Abend für sich sein wolle. „Da war ich echt erstaunt. Wir fanden es schade, dass sich Julie nie mit zu uns gesetzt hat und dachten, sie wolle lieber für sich bleiben.“ Wie es zu dem Missverständnis kam, konnte die Betreuerin erklären. „In den USA ist es in vielen Familien nicht üblich, Zimmertüren zu schließen. Für Julie war die geschlossene Tür zum Wohnzimmer so, als ob der Raum abgeschlossen war; sie dachte, sie dürfe nicht stören.“ Antje erzählte, dass ihr Mann sich schon gewundert hatte, dass die Tür zu Julies Zimmer immer nur angelehnt war. „Er wollte ihr im Herbst sagen, dass wir wegen der Heizkosten immer die Türen richtig zu machen. Aber ich war wirklich froh, dass wir das Problem sofort klären konnten. Ohne Hilfe hätten wir uns da nicht verstanden.“

Es gab natürlich immer mal wieder kleine Missverständnisse. „Julie war unsere direkte Art nicht gewohnt. Als ich sie bat, uns und unseren Freunden etwas auf der Klarinette vorzuspielen, fand sie das doof. Das weiß ich jetzt.“ Aber als höflich Amerikanerin sagte sie, dass sie das eines Tage gern tun wolle. „Ich habe immer wieder gefragt, sie hatte ja zugestimmt. Erst später haben wir gemerkt, dass es ein direktes 'Nein' in Amerika so nicht gesagt wird. Sie fand uns wahrscheinlich am Anfang viel zu direkt und schroff.“ Viele Dinge, wie Gesten, Redewendungen wurde Antje erst klar, setzen wir als so selbstverständlich voraus.

„Es macht viel Spaß, durch Julie einiges plötzlich bewusst wahrzunehmen. Und einige ihrer Fragen machen auch nachdenklich. Warum etwa, sind einige Bundesländer so klein? Wieso halten wir das Besteck, wie wir es halten?“ Ein wenig sehe ich uns so auch durch eine andere Brille.
 „Hattet ihr nicht Angst, dass das Mädchen so gar nicht in eure Familie passt?“ fragte Johanna. Antje schüttelt den Kopf. „Wir hatten ja extra darauf geachtet, dass wir bei einer großen bekannten Austauschorganisation sind. Von Youth for Understanding (YfU) kamen zwei sehr nette Betreuer und lernten uns vorher kennen.“

Gemeinnützige Organisationen kümmern sich um Austauschschüler und Gasteltern

Die bekannten gemeinnützigen Austauschorganisationen sind im Dachverband AJA (Arbeitskreis gemeinnütziger Austauschorganisationen) organisiert. Hier werden nur Organisationen aufgenommen, die die Austauschschüler und Gastfamilien gut betreuen. „Für uns war das wichtig, dass wir Ansprechpartner haben. Denn es hätte ja auch sein können, dass es Probleme gibt“, sagt Antje. Genau dafür sind die, meist ehrenamtlichen Betreuer vor Ort da. Sie helfen den Familien, können manchmal erklären, dass Schüler sich gar nicht ausgrenzt, aber vielleicht einfach die Regeln der Gastfamilie nicht versteht.  Es wird darauf geachtet, dass die Austauschschüler und ihre Familie möglichst gut zusammenpassen. Vor der Ankunft der Schüler gibt es Informationsabende und im Austauschjahr auch Treffen, auf denen sich Gastfamilien über das Erlebte untereinander austauschen können.

Geld bekommen die Gastfamilien nicht. „Aber wir haben so viel Anderes bekommen“, sagt Antje. „Auch einen Haustürschlüssel für das Haus von Julies Eltern. Denn wir sollen uns da als Teil der Familie fühlen.“ Johanna ist jedenfalls begeistert. Gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Mann hat sie noch am gleichen Abend lange gesprochen. Platz ist da. Und Lust auf ein neues Familienmitglied auch.

Einen Austauschschüler oder eine Austauschschülerin aufnehmen? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Sind wir als Familie geeignet?

Prinzipiell ist jede Familie als Gastfamilie geeignet. Ein gleichaltriges Geschwisterkind haben die meisten Austauschschüler zu Hause auch nicht. Familien mit erwachsenen Kindern oder kleineren können auch Gastfamilien werden, genau wie Ein-Elternfamilien, Regenbogen- oder Patchwork-Familien. Wichtig ist ein herzliches Willkommen und ein freies Bett. Ein Zimmer kann auch mit einem gleichaltrigen Gastgeschwisterkind geteilt werden. Aber nur, wenn dieses einverstanden ist. Die Austauschschüler kommen selbst aus sehr unterschiedlichen Familien und es wird darauf geachtet, dass sie aus einem Umfeld kommen, das auch zu ihrer Familiensituation passt.

Wer kommt für die Kosten auf?

Die Gastfamilien heißen die Austauschschüler unentgeltlich willkommen, stellen Verpflegung und Unterkunft zur Verfügung. Das Taschengeld, Kleidung und Kosten für Schulmaterial etc. werden von den leiblichen Eltern und/oder der Austauschorganisation getragen.
Gastfamilien bei YFU schenken einem jungen Menschen ein zweites Zuhause in der Welt, indem Sie ihn unentgeltlich bei sich willkommen heißen. Sie bieten der Austauschschülerin oder dem Austauschschüler ein freies Bett, einen Platz am Tisch und Verpflegung (drei Mahlzeiten am Tag).
Für alle weiteren alltäglichen Ausgaben des Gastkindes, also z.B. Taschengeld, Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Kleidung, kommen die leiblichen Eltern oder in Einzelfällen YFU auf.

Wie ist das mit den Formalien wie Versicherung und Behördenanmeldung?

Gastkinder, die über eine der großen Organisationen kommen, die im Dachverband AJA (Arbeitskreis gemeinnütziger Austauschorganisationen) Mitglied sind, haben einen ausreichenden Haftpflicht-, Unfall- und Krankenversicherungsschutz. Meist sind sie über die Austauschorganisation oder über ihre leiblichen Eltern versichert. Ist ein Austausch über die Schule organisiert, läuft dies meist über die Schule oder eben auch über die leiblichen Eltern.
Austauschschüler sind selbstverständlich in Deutschland schulpflichtig und besuchen hier eine Schule. Die Gastfamilie schlägt eine Schule vor, die offizielle Anmeldung übernimmt die Austauschorganisation. Die Gastschüler müssen direkt nach der Ankunft beim Einwohnermeldeamt registriert werden und nicht-europäische Schüler brauchen eine Aufenthaltserlaubnis, die Organisation hilft dabei – die Gastfamilie muss allerdings die Anmeldung vor Ort machen, die Unterlagen werden zur Verfügung gestellt.

Und wenn es Probleme gibt oder die Chemie nicht stimmt?

Die AJA-Austauschorganisationen stellen alle Gastfamilien und Gastschülern persönliche Betreuer an die Seite. Das sind meist ehrenamtliche Mitarbeiter, die selbst Austauschschüler oder Gasteltern waren und in der Region wohnen.  Außerdem stehen auch die hauptamtlichen Mitarbeiter in den Geschäftsstellen bei Fragen oder Sorgen als Ansprechpartner zur Verfügung.
Auch wenn sich die Organisation sehr bemüht, Familien und Gastschüler so zusammen zu bringen, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt, so kann es immer trotzdem Unstimmigkeiten geben. Wichtig ist, dass auch kleine Probleme - so wie das Beispiel mit der geschlossenen Tür – rechtzeitig angesprochen werden. Dann kann gemeinsam zeitnah eine positive Lösung gefunden werden. Passen Gastkind und Gastfamilie gar nicht zusammen, dann muss der Austauschschüler aber nicht nach Hause fahren, sondern wird in einer Ersatzfamilie untergebracht.

Wie lange ist so ein Austausch? Wie werden wir vorbereitet?

Es gibt – meist über Schulen organisierte – gegenseitige Austauschbesuche von ein paar Wochen. Einige Austauschschüler kommen auch über Austauschorganisationen für drei Monate oder ein halbes Jahr, meist ist es aber ein ganzes Schuljahr.
Wenn sich Familien entscheiden Gastfamilie zu werden, erhalten sie meist zunächst Infomaterial und dann Besuch von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Es gibt oft auch regionale Vorbereitungstreffen bei denen sich zukünftige Gastfamilien untereinander kennen lernen.

Mehr Informationen: Arbeitskreis gemeinnütziger Austauschorganisationen (www.aja-org.de)

Wenn du weiterführende Fragen hast, stelle sie unseren ExpertInnen in der Gruppe >>Familienleben oder direkt in unserer >>Online-Beratung!

Autorin

Dieser Artikel wurde von Silke Plagge verfasst.