Eltern leben
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Dossier Pubertät

...über die Pflege von Mimosen, Kakteen und fleischfressenden Pflanzen. Wenn unsere Kinder zu Jugendlichen werden, erscheinen sie uns mitunter wie von einem anderen Stern. Aus Kindersicht sind wir es, die komisch werden. Eine bewegte Zeit, von der Eltern manchmal mehr mitbekommen als ihnen lieb ist und manchmal auch gar nichts. Für die Jugendlichen ist es jedoch immer eine emotional aufwühlende Zeit. Ein Abschied von der Kindheit, ein Wachsen hin zu einer neuen Stufe, dem Erwachsensein. Lass uns Schritt für Schritt gehen, um zu verstehen, was der Prozess der Pubertät für alle in der Familie bedeutet.

  1. Was ist Pubertät?
  2. Entwicklungsaufgaben für das Kind
  3. Was brauchen Eltern in dieser Zeit?
  4. Erzieherische Haltungen und deren Wirkung
  5. Entwicklungsaufgaben für Eltern
Plastik-Affen vor blauem Himmel

1. Was ist Pubertät?

 

Da stellt sich zunächst die Frage: Wann fängt „es“ an? Und für viele noch wichtiger: Wann hört „das“ wieder auf?

Das Wort Pubertät stammt vom lateinischen Wort „Pubertas“ ab, was Geschlechtsreife bedeutet. Daneben bedeutet „Pubes“ Schamhaar. Vom Wort her ist es also eine Zeit, in der die Schamhaare wachsen und die Reproduktionsfähigkeit einsetzt, also unsere Kinder selbst Mütter oder Väter werden könnten. Der Beginn des Jugendalters ist demnach der Abschnitt, der mit dem Einsetzen der Pubertät beginnt, also wenn die Fähigkeit Kinder zu zeugen entsteht. Das geht natürlich auch nicht von heut auf morgen. Der Körper benötigt eine längere Zeit hormoneller Umstellungen bis schließlich die erste Menstruation oder der erste Samenerguss auftritt. Das ist bei uns in Deutschland am häufigsten im Alter zwischen 11 und 15 Jahren.

Das Ende des Jugendalters und damit den Beginn des Erwachsenenseins zu bestimmen ist wesentlich schwieriger. Das hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass die körperlichen Veränderungen in dieser Zeit zwar universell, die sozialen und psychischen Erfahrungen sich aber stark unterscheiden und abhängig sind von der Gesellschaft und der Kultur, in dem ein Mensch aufwächst. In den urtümlichen Gesellschaften wie auch früher in den Industriegesellschaften gab beziehungsweise gibt es keine definierte Zeit der Jugend. Sobald die Kinder körperlich in der Lage waren, mussten sie arbeiten wie Erwachsene. Ihnen wurde dementsprechend auch früh Verantwortung zugetraut und zugemutet. Dafür gab es einen einfachen Grund: die Lebenserwartung war früher viel geringer und die Altersversorgung musste früher einsetzen. Das heißt die Kinder mussten früher beginnen für ihre Eltern zu sorgen.

Heutzutage, in einer Zeit von Wohlstand, besserer Ernährung und medizinischer Versorgung hat sich viel geändert. Die körperliche Reife setzt aufgrund guter Ernährung früher ein. Die Menschen werden älter und sind länger fit und auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar. Daher wurde die Jugendphase quasi „erfunden“. Im Grunde gab es dafür neben biologischen Gesundheitsaspekten auch einen einfachen wirtschaftlichen Blickwinkel: das Verbot von Kinderarbeit hält die Kinder vom Arbeitsmarkt fern und sichert den Erwachsenen eine längere Einkommenszeit. Allerdings bleibt nichts ohne Nebenwirkung. Die finanzielle und emotionale Abhängigkeit von den Eltern verschiebt sich für den Jugendlichen nach hinten. So bettelt heute ein 15jähriger um Taschengeld und bekommt seine Brote von Mama geschmiert. Währenddessen sein „Kollege“ vor 150 Jahren sein eigenes Geld verdiente und die Familie unterstützte. Mit dieser „verspäteten“ Unabhängigkeit ist eine besonders „gute“ beziehungsweise lange Berufsausbildung verbunden, frei nach Motto: „unsere Kinder sollen es mal besser haben“. Die Folge ist eine reine Rechenaufgabe. Wenn bei einem Mädchen mit 11Jahren die erste Menstruation einsetzt, sie nach 13 Jahren Schule und anschließendem Studium mit 24 oder25 Jahren in den Beruf einsteigt, dann sind mal eben 12 Jahre vergangen. 12 Jahre Pubertät!
Und was müssen die armen Eltern alles in dieser Zeit ertragen? „Meine Tochter zieht sich total zurück, ist völlig in sich gekehrt. Ich sehe sie kaum noch. Sie verschwindet immer sofort in ihrem Zimmer und lässt keinen mehr rein. Sie redet kaum mehr mit mir. Alles muss ich ihr aus der Nase ziehen. Ich habe das Gefühl, als würde sie mich total ablehnen“ bedauert eine Mutter. „Der Computer scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein“, klagt ein Vater. Manche Jugendliche gehen stark in einem „Weltschmerz“ auf oder verlieren sich in Phantasiewelten. Eltern regieren besorgt und glauben, ihr Kind sei suizidal oder suchtgefährdet. Die Zimmer sehen aus, als ob mehrere Tornados durchgerauscht sind und stinken wie Pumahöhlen. Manche Eltern trauen sich kaum mehr ihre Kinder anzusprechen, weil sich mit ziemlicher Sicherheit ein Streit ergibt.

„Die Kunst einen Kaktus zu umarmen“ titulieren die Autoren Arp & Arp ziemlich treffsicher ihr Buch über die Teenagerzeit. Die Heranwachsenden sind mehr als launisch, sprunghaft, völlig unberechenbar und schnappen zu, wenn man es nicht erwartet. Manche verhalten sich schrill und provokativ. Nichts kann man ihnen recht machen. Sie scheinen alle guten Manieren und überhaupt alles was sie je gelernt haben, vergessen zu haben. „Das ist nicht mehr das Kind, das wir kennen“ resigniert ein Elternpaar. Der Mama kommen die Tränen, der Vater schüttelt verärgert den Kopf.

Bitte lass mich eine Illusion zerstören: Du bist nicht die einzige betroffene Mutter oder der einzige Vater, dem es so ergeht. Selbst der griechische Philosoph Plato beschrieb vor über 2300 Jahren die Heranwachsenden seiner Zeit ähnlich. Die Klage über Jugendliche überdauert also die Generationen. Und glaub mir, genauso lange klagen die Heranwachsenden über ihre Eltern.
Und noch einen Irrglauben möchte ich an dieser Stelle zerstören. „Es“ hört wieder auf. Ja wirklich! Du glaubst vielleicht jetzt noch, dass das vielleicht bei anderen der Fall ist. Aber bei deinem Kind ist Hopfen und Malz verloren. Der einst so kuschelige Sohnemann, das lebensfrohe Töchterlein und ihre Beziehung zueinander sind für den Rest des Lebens verdorben. Und auf sich selbst zurückgeworfen heißt es vielleicht auch: „Ich habe völlig versagt mit meiner Erziehung.“ Aber nein. Die Pubertät ist nur ein Durchgangsstadium, eine Phase des Wandels, der Veränderung und Entwicklung hin zu einem gestärkten Selbstbewusstsein, zu einer eigenen Identität.

Typ- und temperamentsbedingt stellt sich diese Zeit jedoch höchst unterschiedlich dar. Aber immer ist sie für den Jugendlichen sehr anstrengend, denn das einzig Eindeutige sind die ständigen plötzlichen Veränderungen. Und immer spielen mehr oder minder starke Krisen eine Rolle. Diese Krisen als Chance zu sehen, als Chance um zwischenmenschliche Beziehungen neu zu bestimmen, ist vielleicht die abstrakteste aber sinnvollste Aufgabe für Eltern in dieser Zeit.

2. Welche Entwicklungsaufgaben müssen von meinem Kind in der Pubertät bewältigt werden?

 

Mit jeder Lebensstufe sind bestimmte Aufgaben verbunden, die es zu bewältigen gilt, sowohl auf Seiten der Kinder als auch auf Seiten der Eltern. Diese Aufgaben zu bewältigen ist nicht immer leicht.

Die Jugendlichen müssen ihre körperliche Reife und die ausgereifte Sexualität annehmen

Im Gehirn (genauer im Hypothalamus und in der Hirnanhangsdrüse) werden jetzt neue Hormone gebildet. Diese Hormone regen bei Mädchen die Eibläschen in den Eierstöcken dazu an, weibliche Geschlechtshormone (Östrogene) zu bilden. Die Ausschüttung von Östrogenen bewirkt, dass die Geschlechtsorgane wachsen und reifen. Sichtbar ist zum Beispiel das Wachsen der Brüste.  Berührungen können an dieser Stelle sehr schmerzhaft sein.  Auch das Becken wird breiter. Schließlich setzt die Regel ein, was häufig ebenso mit Schmerzen und Unwohlsein verbunden ist. Bei Jungs wächst der Penis. Die Prostata und die Bläschendrüse reifen. Der erste, meist unwillentliche Samenerguss findet statt. Nicht selten schämt sich ein Junge für das nasse Bettzeug. Daneben entstehen sexuelle Lustgefühle und entsprechend gerichtete Wünsche. Aber es geschieht im Körper noch etliches mehr.

Was viele Menschen nicht wissen ist, dass Jungs und Mädchen einen „Stimmbruch“ haben. Bei Jungs ist dieser nur wesentlich deutlicher zu hören, da ihr Kehlkopf stärker wächst. Glück hat, wer einen sensiblen Musiklehrer in der Schule hat, der die Jungs alternativ Songtexte aufsagen lässt.
Typisch sind in dieser Zeit Wachstumsschübe. Dies geschieht bei Jungs mitunter sehr sprunghaft und unproportional: Arme und Beine wachsen schneller als der Rumpf. Das wirkt dann schlaksig oder „wie ein Affe“. Die Schultern der Jungs werden breiter währenddessen die Hüfte schmal bleibt. Dafür verantwortlich ist das vermehrte Ausschütten des Wachstumshormons Testosteron in der Hirnanhangsdrüse.

Deutlich zu sehen ist das Wachsen von Haaren an Beinen, Scham, Achselhöhlen, bei Jungs zudem an Brust und der Bart im Gesicht. Letzteres ist häufiger mit Stolz verbunden, während die Haare an anderen Körperstellen (je nach Mode) auch mit Ekel assoziiert werden.
Tatsächlich können Eltern oft den Beginn der Pubertät eher riechen als sehen. Die Schweißdrüsen vermehren sich explosivartig. Abends geduscht, morgens schon wieder fettige Haare und stinkende Achselhöhlen. Unreine Haut und Pickel gehören nicht ins Schönheitsideal und werden mit allen Mitteln bekämpft und senken enorm das Selbstwertgefühl.

Vielleicht verstehen die Mütter noch eher als die Männer, was die ständigen Hormonschübe grundlegend mit dem seelischen Gleichgewicht anstellen. Erinnere dich mal an die letzte Schwangerschaft. Das ist ein Auf und Ab der Gefühle. Mit all diesen körperlichen und gefühlsmäßigen Veränderungen muss der Jugendliche irgendwie klarkommen. Wenn es vorher daheim harmonisch war, gibt es jetzt Schuldgefühle, Gefühle von Einsamkeit und Anderssein. Wenn ich schon viel über Sexualität von Erwachsenen gelernt habe, fühle ich mich jetzt dumm und unsicher. Wenn mein Freund oder meine Freundin körperlich viel weiterentwickelt ist als ich, bin ich unsicher oder schäme mich. Jungs, die im körperlichen Vergleich schlechter abschneiden, können die Situation in einer Sportumkleide als sehr demütigend erleben. Und dennoch ist es eine Zeit des durchdringenden Erlebens. Alle Gefühle, positive wie negative sind stark und intensiv.

Veränderungen im Gehirn

Es gibt aber auch Veränderungen im Gehirn, die nicht immer so klar thematisiert werden, obwohl sie viel zum Verständnis jugendlichen Verhaltens und Erlebens sorgen könnten. Lass uns darum diesem Teil unsere Aufmerksamkeit besonders widmen.
In der Großhirnrinde wurden in den vorangegangenen Jahren, vor allem in den ersten Lebensjahren, viele Nervenzellen und deren Verbindungen gebildet. In diesen Verbindungen ist alles gespeichert, was wir gelernt haben. Dummerweise werden viele dieser Verbindungen während der Pubertät wieder aufgelöst. Das passiert, weil gleichzeitig die Nervenfasern ausgebaut werden, damit die Informationsübermittlung optimiert werden kann und die Jugendlichen genauso schnell wie Erwachsene denken können. Es ist wie im Straßenbau: wenn eine Straße mit zwei Fahrbahnen effizienter für den Verkehr gemacht werden soll, dann wird eine 4spurige Autobahn daraus gemacht. Allerdings muss dafür die Strecke für die Bauphase gesperrt werden. Im Grunde ist also Großbaustelle im Gehirn der Jugendlichen. Man könnte ein Schild anhängen: out of order. Zum Glück passiert das nicht in der gesamten Großhirnrinde gleichzeitig und auch nicht monatelange durchgängig. Aber es erklärt, warum die Jugendlichen scheinbar die einfachsten Dinge vergessen haben, die noch vor kurzem wie selbstverständlich zum Verhaltensrepertoire gehört haben. Wer allerding keinen Computertomographen daheim hat, wird nicht feststellen können, ob ihr Kind hirntechnisch nicht in der Lage war oder ob er/sie provozieren will, wenn der Nachbar plötzlich nicht mehr gegrüßt wird oder der Müll nicht runtergetragen wird. Wie bei Gericht und vor allem für dein Seelenheil würde ich „im Zweifel für den Angeklagten“ entscheiden. Es ist leichter mit unerwünschtem Verhalten umzugehen, wenn du nicht ständig glauben müsstest, dein Kind will dich provozieren. Auch wenn Provokation in der Pubertät einen wichtigen Entwicklungsaspekt darstellt. Aber dazu später. Bleiben wir noch eine Weile bei den Gehirnumbauten. In der Regel werden zuerst die Regionen der Großhirnrinde umgebaut, die eng mit dem limbischen System verknüpft sind. Das limbische System ist für die Entstehung von Gefühlen zuständig. So sind die Bereiche für Bewegung, Wahrnehmung, Orientierung und Sprache zuerst betroffen. Als letzter Bereich reift der Prä- Frontalkortex oder auch Stirnlappen genannt. Das ist nun ungünstig, weil dieser Bereich für die Impulskontrolle und die Fähigkeit zur längerfristigen Planung zuständig ist. Dieser Stirnlappen führt uns vor Augen, welche Konsequenzen unser Handeln haben kann. Er rät uns zur Vorsicht und lässt uns unsere Handlungsalternativen abwägen. Bei Jugendlichen führt dieses Ungleichgewicht der Hirnentwicklung dazu, dass Gefühle stärker und schneller auf Verhalten und Entscheidungen wirken, als die Vernunft. Nach außen sieht man dann spontane Erregungszustände, unerwartete oder völlig übertriebene Reaktionen, bei denen manch Mutter oder Vater nur noch verständnislos den Kopf schüttelt.

Manche Eltern kämpfen auch mit dem Nucleus accumbens ihres Kindes. Dieser agiert mittels Dopaminrezeptoren.  Wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, kommt es zu Glücksgefühlen oder einem „Kick“. Nun sind diese Rezeptoren bei den Jugendlichen noch weniger vorhanden als bei Erwachsenen, so dass sie stärkere Auslöser benötigen, um ein solches Glücksgefühl zu empfinden, wie wir Erwachsenen, wenn wir ein gutes Buch lesen oder uns mit Freunden treffen oder eben auch risikoreiche Aktionen machen wie ein Bungeesprung. Jugendliche brachen eher den Sprung, um Glück zu fühlen. Da reicht ein Buch lange nicht. Das erklärt auf neuronaler Ebene, warum manche Jugendliche nicht nur einmal einen Alkoholrausch exerzieren. Nicht zuletzt aufgrund neuerer Technik ist glücklicherweise das S- Bahn- Surfen nicht mehr „in“.
Ein für die Beziehung zwischen dir und deinem Kind wichtiges Hormon ist das Oxytocin, auch „Bindungshormon“ genannt. Es ist die organische Komponente, die die Qualität der Bindung zwischen Säugling und primärer Bezugsperson, meist zur Mutter, stark mitbestimmt. Ein „sicher“ gebundenes Kind kann sich auch sicher und freudvoll der Welt zuwenden und alle Entwicklungsaufgaben, die das Leben so stellt gut bewältigen. Die Rezeptoren für dieses Hormon ändern sich ebenfalls in der Pubertät. Damit zusammen hängt die Neudefinition der Mutter/Vater- Kind- Beziehung. Wie das im Alltag aussieht wird später ausgeführt.
Nicht zuletzt kennen viele Eltern dem Umstand, dass die Kinder zu Nachteulen werden. Sie sind ewig wach und kommen morgens nicht aus dem Bett. Rückblickend erinnere ich mich lächelnd an meine Mutter, die es sonntags nicht aushielt und meist gegen 10Uhr mit dem Staubsauger demonstrativ gegen meine Tür wummerte. Damals konnte ich gar nicht darüber lachen. Das für diesen typischen Nachteulenrhythmus verantwortliche, nun veränderte Hormon ist das Melatonin. 

Die Jugendlichen müssen ihre sozialen Rollen neu bestimmen, einschließlich der Loslösung von den Eltern

In Fachkreisen spricht man eher von Adoleszenz als von Pubertät. Unter Adoleszenz wird mehr verstanden als die körperlichen Veränderungen. Es werden auch die psychosozialen und gesellschaftlichen Dimensionen mit beschrieben. Was gehört nun dazu?
Die Ablösung vom Elternhaus, die Bildung einer klaren Ich- Identität, das sind die großen psychosozialen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz. Die Seele des Kindes ist hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstständigkeit einerseits, und andererseits gehalten von der Angst vor neuen Aufgaben und dem Verlust der geborgenen Kindheit. Die Jugendlichen schlagen sich mehr oder weniger bewusst mit den Gedanken umher: Wer bin ich für mich und wer für die anderen? Ich bin anders als meine Eltern. Ich habe mich verändert, aber meine Eltern sind die Gleichen geblieben. Das macht mir Angst... Gehöre ich noch zu meiner Familie? Will meine Familie mich noch? Will ich sie noch? Die Jugendlichen fühlen eher als dass sie begreifen, dass ihr Weg sie aus der Familie, wie sie bisher definiert wurde, herausführt. Das Wir- Gefühl der Familie tritt in den Hintergrund. „Ich gehöre zwar noch dazu, aber ich weiß, ich muss es bald allein schaffen. Kann ich das?“
Es ist nicht leicht, aus harmonischen Beziehungen und einer Alltagsstruktur, die einem gefällt, auszusteigen. Es kann den Jugendlichen daher helfen, alles in Frage zu stellen und die „Scheidung“ quasi herbei zu streiten. Lebenseinstellung, Werte und die Haltung zum Leben wurden bisher für das Kind von der Familie geprägt. Jetzt muss ich es für mich selber finden. Dabei hilft es, eine Ersatzfamilie zu haben: die Clique. Dort gibt es ein neues Wir- Gefühl mit neuen Regeln. Dabei kann ich die Erfahrung machen „die sind wie ich, da brauche ich mich nicht schuldig fühlen“.

Selbstüberschätzung und vernichtende Urteile über sich selbst liegen eng beieinander. Wie nervig kann es sein, wenn du wie gegen eine Wand redest. Dein Kind meint „eh alles besser zu wissen“. Gleichzeitig machen sie sich kleiner als sie sind und werten sich schmerzhaft selbst ab: „Ich kann das nicht“, „Ich bin fett und hässlich“, „Mich kann man nicht lieben“.  Die Medien tun ihr Übriges dazu: Mädchen werden mit schlanken, makellosen Körpern gezeigt, traumhaften Haaren, sexy gekleidet. Aussehen und Outfit haben Vorrang vor anderen Qualitäten.  Jungs werden groß, schlank, muskulös, pickelfrei, stark, sportlich und selbstsicher dargestellt; mal Macho mal Softi, aber auch gewaltvoll mit Zigaretten-, Alkohol-, und Pizzakonsum zeigen Filme und Werbung wie Jungs und Männer zu sein haben. Nach solchen Idealen streben viele und scheitern. Sie nehmen weder den gut gemeinten Rat ihrer Eltern an noch lassen sie sich trösten und beschützen. Sie machen uns Eltern im wahrsten Sinne des Wortes hilflos. Und genau das fühlen die Jugendlichen häufig selbst: hilflos im tosendenden Meer von Gefühlen, Gedanken und Anforderungen.

Die Bewältigung von Aufgaben führt zu Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nicht gelungene Bewältigung von Aufgaben führt zu mangelndem Selbstvertrauen. Das Selbst wird unsicher und schwankend erlebt. Hilfst du deinem Kind durch loslassen und Halt geben, so schreibt Jan- Uwe Rogge in seinem Buch über die Pubertät, kann dein Sohn und deine Tochter erfahren: „Ich bin ok, so wie ich bin. Ich bin wichtig. Ich kann was. Ich werde gebraucht.“ Die heranwachsende Frau, der heranwachsende Mann entwickelt mit dieser Grunderfahrung eine gesunde und starke Persönlichkeit und ist bereit in ein selbstverantwortliches Leben zu starten.

Die Jugendlichen müssen erhebliche intellektuelle Leistungen vollbringen, da die Festlegung von zukünftigen Berufszielen gefordert ist

„Was will und soll ich werden? Wie entscheide ich mich richtig? Woher soll ich wissen, was das Richtige ist?“  All das sind Fragen, die von den Heranwachsenden beantwortet werden müssen. Sie müssen sich auseinandersetzen mit elterlichen Wunschvorstellungen und der Erforschung persönlicher Fähigkeiten und Vorlieben. Dann sind da noch die Medien. Mädchen werden in modernen Berufen gezeigt. Und gleichzeitig werden Frauen weiterhin als emotionale Versorgerinnen von Männern und Kindern dargestellt, verantwortlich für den Haushalt. Die Botschaft lautet: Mädchen, sei schön, mach eine gute Ausbildung, aber strebe keine Macht an, denn du gehörst an die Seite von Mann und Kind. Die Botschaft an die werdenden Männer in den Medien lautet: du bist zuständig für materiellen Erfolg. Strebe nach Macht. Es ist normal, wenn die Familie zu kurz dabei kommt. Viel Gefühl und das Bedürfnis nach Nähe sind eher störend dabei. Der Wandel der Werte vollzieht sich nur langsam in Werbung und Film.
Das setzt Ideale, die nicht erreichbar sind und eher zu Verunsicherung führen. Mütter, die zufrieden mit dem eigenen Körper und ihrem Aussehen sind, keinem Diätwahn verfallen, keine Angst vor beruflichem Erfolg haben, in der Lage sind, ihre eventuelle „Nur- Hausfrau- Tätigkeit“ als beruflichen Erfolg zu werten, einen eigenen persönlichen Bereich haben, den Mann als Vater einbinden und entsprechenden Aufgabenverteilung fordern, sind hilfreiche Modelle für Töchter und Söhne. Väter sind in unserer Gesellschaft mehr noch als Mütter durch das klassische Rollenbild ein Bindeglied zwischen Familie und Außenwelt. Männer sind häufiger als Frauen vollzeitbeschäftigt. Der Vater kann daher gut das Weltbild relativieren. Als Vater kannst du vorleben, dass dir dein Beruf wichtig ist, dass er notwendig ist und dass er dir Spaß macht. Zugleich kannst du zeigen, dass dir deine Familie wichtig ist, dass sie notwendig für dich ist und dir vor allem Spaß macht.
Das erfolgreiche Ende der pubertären Entwicklung markiert der Punkt, an dem dein Sohn und deine Tochter sagen kann „Ich steh dazu, dass ich so bin wie ich bin“. Ich weiß, wo ich herkomme und ich weiß, welchen Weg ich gehen will.

3. Was brauchen Eltern in dieser Zeit?

 

Eltern erleben ihre heranwachsenden Kinder in dieser Phase häufig wie von einem anderen Stern. Sie sehen fremd aus, sprechen eine andere Sprache, haben Kontakt zu Außerirdischen und scheinen sich auf dem Elternplaneten nicht mehr zu Hause zu fühlen. Oder noch schlimmer: sie vermitteln einem, den elterlichen „Steinzeitplaneten“ nicht mehr zu brauchen. Es ist für Eltern wichtig zu wissen: dein Teenie lehnt dich nicht jetzt und für immer und ewig als Bezugsperson ab. Sein Verhalten zeigt nur deutlich, dass er ernsthaft an seiner Entwicklungsaufgabe „Ablösung von den Eltern“ arbeitet. Die Jugendlichen müssen und wollen sich trennen und brauchen die Eltern doch. Diese Ambivalenz ist schwer für alle Beteiligten, auch und vor allem für die Heranwachsenden. Und auch wenn es anders scheint, dein Kind braucht deine Unterstützung. Die gegenseitige Liebesversicherung sieht jetzt vielleicht anders aus als früher. War früher inniges Kuscheln angesagt, so ist es heut das vorsichtige Streicheln über die Hand zum richtigen Zeitpunkt. Daher halte dich bereit, wenn dein Kind Rat und Unterstützung braucht. Nur dränge deine Hilfe nicht auf. Dein Kind darf und wird eigene Erfahrungen machen, egal wie sehr du dein Kind beschützen möchtest.

Jan- Uwe Rogge beschreibt in seinem Buch lebendig, dass du mit deiner Erziehung während der Pubertät noch lange nicht am Ende bist. Erziehung hat immer mit Beziehung zu tun, mit beharrlicher, nicht immer harmonischer Beziehungsarbeit. Konflikte gehören einfach dazu. Wer sich aus der Beziehung zurückzieht, lässt die Jugendlichen allein. Hab Mut zur Auseinandersetzung! Zeig deinem Kind, dass du Interesse an ihm oder ihr hast, zeig, dass dir dein Kind wichtig ist, auch im und mittels Streit. (Ich würde mir dir Mühe sparen, mit jemandem zu streiten, der mir egal ist). Der Rückzug aus der Erziehungsverantwortung (aus Gefühlen der Enttäuschung oder Resignation) bedeutet für die Jugendlichen Rückzug aus der Beziehung. Sie fühlen sich alleingelassen, ohne wirkliche Bindung, ohne Orientierung. Das macht Angst. Nicht selten versuchen Jugendliche dann erst recht, durch zerstörerisches Verhalten die Aufmerksamkeit und Beziehung wiederzugewinnen. Also wenn du die irritierenden (manchmal destruktiven) Aktivitäten deines Jugendlichen als Ausdruck von pubertären Krisen deutest, kannst du entspannter damit umgehen. Denk daran, den Kindern geht es um Reibung. Sie provozieren Streit darüber was gut und böse, was moralisch und unmoralisch, richtig und falsch, verletzend und heilend ist. Sie wollen streiten, nicht meditieren. Wer sich der Konfrontation nicht stellt, verunsichert die Kinder. Sie testen deine Werte und prüfen, ob sie diese in ihr Leben mitnehmen. In diesem Abgleich bist du zugleich Partner wie auch Kontrahent. Und in diesen Situationen der Auseinandersetzung reagieren sie mimosenhaft höchst sensibel auf falsche Töne. Sagst du beispielsweise. „Bist du denn völlig durchgeknallt?“ oder „Mach nur so weiter, dann wirst du schon sehen, was du davon hast“ dann folgt nicht selten ein drastischer Gefühlsausbruch oder der Stillstand der Kommunikation oder ein Bruch der Beziehung oder ein Machtkampf. Pubertierende wollen ganz besonders in Situationen, in denen sie Grenzen überschritten haben, als gleichwertige Person angenommen werden. Kritik an ihrem Verhalten können sie aushalten, solange ihre persönliche Würde respektiert wird.
Partnerschaftliche Beziehungen beinhalten aber auch, dass die Heranwachsenden die Eltern achten und respektieren. Wenn du deine Bedürfnisse um des lieben Friedens willen zurückstellst, tritt dein Sprössling deine Bedürfnisse bald mit Füßen. Bleib im Gespräch, zeig welche der Werte und Normen dir wichtig sind. Oftmals nur in der Reibung, nur im Abarbeiten an den vorgelebten Modellen kann der Jugendliche diese Werte prüfen und ggf. übernehmen. Je klarer und selbstreflektierter du diese durchgehend vertrittst, desto authentischer wirkst du und gibst ein Modell fürs Leben. Du signalisierst deutlich: auch ich bin mir wichtig und habe ein Recht auf Respekt und Wertschätzung.

Noch ein Tipp am Rande. Um dein Kind besser zu verstehen und dich einzulassen auf das neue Miteinander, hilft es ungemein, wenn du dich an deine eigene Jugend erinnerst: Wie war das damals? Wie hast du dich gefühlt? Was war schwer? Was hat genervt? Was hast du dir gewünscht? Was hat dir geholfen und gutgetan? Was nicht? 

4. Erzieherische Haltungen und deren Wirkung

 

Perfektion

Wer den Anspruch hat, eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater zu sein, katapultiert sich nicht selten in ein Gefühl von Ungeduld und Hilflosigkeit. Da Perfektion eine Illusion ist, ist Scheitern vorprogrammiert. Wenn du eigene Fehler nicht aushalten kannst, beginnst du nach Schuldigen für das Scheitern deiner Erziehungsziele zu suchen. Entweder wertest du dich selbst ab oder jemanden von außen, zum Beispiel die Schule, die Clique, die Medien Auch das eigene Kind kann als Sündenbock herhalten, da es ja jeden Tag das Scheitern des elterlichen Perfektionismus’ anschaulich vorlebt: „ich will ja nur dein Bestes, aber du...“  Die Folge einer solch perfektionistischen Erziehungshaltung ist klar. Die Kinder fühlen sich minderwertig, haben Versagensängste und glauben, so wie sie sind nicht liebenswert zu sein.
Leg dein Perfektionsdenken ab. Das erleichtert dir dein Leben, nicht nur in Erziehungsfragen. Jugendliche sind nicht beliebig formbar. Sie haben angeborene Veranlagungen und auch andere Menschen üben einen großen Einfluss auf dein Kind aus. Jeder Mensch ist einzigartig. Auch Jugendliche haben es nicht verdient, ständig mit anderen verglichen zu werden. Und du hast es auch nicht verdient, dir immer wieder vor Augen zu führen, dass andere Menschen schneller, besser, schlauer sind als du oder dein Kind. 

Aufgrund der Individualität jedes Menschen musst du auch nicht alle deine Kinder gleich behandeln oder ihnen zur gleichen Zeit alles recht machen. Ein solcher „Gerechtigkeitswahn“ macht dich nur erpressbar. Aber du kannst deine Kinder in ihren Eigenarten erkennen und sie in ihrem jeweiligen Talent fördern und eine einzigartige Bindung zu jedem Einzelnen leben. Dann ist deiner 13jährigen Tochter ein Shoppingausflug am Samstag für 2 Stunden ausreichend und sie freut sich, wenn du sie am Abend in Ruhe lässt, während der 7jährige Bruder noch jeden Abend stundenlang kuscheln und ein Geschichte vorgelesen bekommen will.
Fehlerfreundlichkeit wäre eine alternative Einstellung.  „Mache einen Fehler und feiere ein Fest“ gilt als Leitspruch in meiner Arbeitsstelle. Wer Fehler als Chance begreift, über das eigene Handeln nachzudenken und es gegebenenfalls zu verändern, zeigt Rückgrat. Wer die „Schwäche“ besitzt, Fehler zu machen, der kann auch die Stärke haben, sich zu entschuldigen. Sie geben den Kindern damit ein realistisches Vorbild, kein nicht zu erreichendes Ideal: „Meine Eltern sind nicht perfekt, aber sie können mit Krisen und Niederlagen umgehen, können aus Fehlern lernen.“ Und du kannst dir beim Lernen Zeit lassen. 

Vertrauen

Vertrauen in Beziehungen ist eine wichtige Basis, auch in der Beziehung zu den Jugendlichen. In dem Maße wie dein Kind Selbstverantwortung lernen und leben soll, in dem Maß muss du die Verantwortung abgeben. Das erfordert Vertrauen. Vertrauen in dein Kind und in dich selbst. Du kannst dein Kind nicht für den Rest deines Lebens behüten. So wie dein Kind laufen gelernt hat, nämlich auch mit Hinfallen, wir es auch lernen, das Leben allein zu meistern. Das bedeutet auch, die Misserfolge deines Kindes auszuhalten. Vertrau darauf, dass dein Teenie wieder aufsteht, wenn er hingefallen ist.

Eines der Bereiche, in denen es häufig zu Streit kommt, ist das Thema Schule. Nur mit den besten Schulabschlüssen scheint man heute eine gute Chance auf dem harten Arbeitsmarkt zu haben. Das macht den Eltern Sorge und lässt sie oft ihre Gelassenheit vergessen, wenn die Kinder genau die Dinge tun wollen, die jetzt als Entwicklungsaufgabe anstehen: sie wollen und müssen Abenteuer bestehen, ausziehen und ihr Glück suchen. Sie müssen experimentieren, versuchen, sich irren, Fehler machen und daraus lernen, hinfallen und wieder aufstehen, Umwege gehen, Ortskenntnisse vergrößern, Herausforderungen annehmen und manchmal bestehen, um zu fühlen: „Ich bin ok, so wie ich bin. Ich bin wichtig, Ich kann etwas. Ich werde gebraucht.“ Sag nicht ständig: „Pass auf“. Das verunsichert eher. Gib deinem Jugendlichen besser positive Motivationen mit auf den Weg. Natürlich kannst du dabei authentisch bleiben. Dein Kind spürt, wenn du vor Sorge fast vergehst. Sag einfach: „Ich mache mir Sorgen, wenn du da draußen so spät unterwegs bist. Aber ich vertraue dir, dass du dich gut selbst zu schützen weißt.“

Eigene schlechte Erfahrungen

Gehörst du zu den vielen Seelen auf dieser Welt, die keine guten Erinnerungen an die eigene Kindheit haben und nun für ihre Kinder alles besser machen wollen? Natürlich, möchtest du dann nicht, dass dein Kind sich fühlt wie du früher. Aber verwechsle die Erziehung deines Kindes nicht mit Selbsttherapie. Vielleicht konntest du nicht studieren und wünschst dir, dass es dein Kind tut. Vielleicht will dein Kind das aber gar nicht. Sorge für dein eigenes inneres Kind, aber trenne es von deinem Sohn oder deiner Tochter. Behandle beide individuell. Mitunter hilft es, in den eigenen Erziehungserfahrungen auch das Gute zu entdecken: „Welche pädagogische Handlungen habe ich in der eigenen Erziehung als konstruktiv, persönlichkeitsstärkend erlebt? Wie haben meine Eltern das umgesetzt? Welche pädagogischen Handlungen meiner Eltern habe ich als einschränkend, bevormundend und erniedrigend erlebt? Wer oder was hat mir dabei geholfen, mit diesen Erziehungsfehlern fertig zu werden?“
Natürlich ist es gut, wenn du die Fehler deiner Eltern nicht wiederholst, aber dafür machst du andere. Das muss gar nicht dramatisch sein, denn auch du kannst dich weiterentwickeln.

Grenzen

Natürlich sind Grenzen auch während der Pubertät sinnvoll. Sie geben Orientierung und schützen Werte und Bedürfnisse. Sie sollten aber verhandelbar und flexibel gehandhabt werden. Grenzen sollen nicht beherrschen, sondern leiten und von gegenseitiger Achtung geprägt sein. Gib Freiräume, wo es sich um ungefährliche Alltagssituationen handelt (Taschengeld, Haarschnitt, Hobbies) und setze Grenzen, wo Gefährdungen der Jugendlichen wahrscheinlicher sind. Gleichwertigkeit bedeutet, dass auch Eltern sich an Grenzen halten müssen. Das gilt nicht nur in der Pubertät. Und rechne damit, dass dein Sprössling die Grenzen überschreitet, deren Festigkeit, Glaubwürdigkeit und Sinnhaftigkeit testet. Das ist ganz normal. Auch bei den Konsequenzen für Regelbruch gilt, dass das Kind etwas daraus fürs Leben lernen soll und nicht bewiesen werden soll, dass die Eltern die Macht haben. Bei Jugendlichen bleiben oftmals nicht mehr viele kreative Ideen übrig. Eine logische Konsequenz sähe zum Beispiel so aus: „Wir hatten die Vereinbarung, dass du einmal in der Woche dein Zimmer aufräumst. Jetzt ist schon Sonntagabend. Ich gebe dir bis Montagabend Zeit. Wenn du bis dahin nicht aufgeräumt hast, tue ich es für dich. Eine Putzfrau kostet 10 Euro die Stunde. Ich werde dir dann das Geld von deinem Taschengeld abziehen.“ Beachte jedoch: konsequentes pädagogisches Handeln funktioniert nur dort effektiv, wenn es um einen Sachverhalt geht , zum Beispiel Hilfe im Haushalt. Mitunter verbirgt sich hinter einem permanenten Regelbruch ein Konflikt auf der Beziehungsebene. Dann lohnt die Frage: Was will mir mein Sohn oder meine Tochter sagen? Ist die Regel nicht mehr passend, müssen wir neu verhandeln? Oder mangelt es an Zuwendung? Oder ist mein Kind überfordert?“ Kann oder will der Jugendliche die Grenze nicht einhalten?

Elternfreie Zone

Wohlstand und medizinischer Fortschritt sind auch Grund dafür, dass die Eltern länger jung bleiben. Viele Bereiche, in denen die Jugendlichen sich früher von ihren Eltern abgrenzen und profilieren konnten, sind heute von den „Gruftis“ besetzt. Wenn wir die gleichen Klamotten tragen wie unsere Kinder, wenn wir genauso gut Inliner fahren, die gleiche Musik hören, in die gleiche Disko gehen, in der gleichen Sportart glänzen und alle Medien verkünden, dass wir guten Sex haben, dann findet das manchmal noch ganz und gar nicht stabile Selbstwertgefühl der Jugendlichen umso schwerer eine Chance, sich zu stärken. Schaffe Räume oder lasse Räume zu, in denen dein Kind ohne dich sein kann und Erfahrungen sammeln kann, über die du nicht verfügst. Räume, in denen dein Jugendlicher glänzen kann, ohne sich mit dir vergleichen zu müssen. 

Aufopferung

Dann gibt es noch die Mütter oder Väter, die es als sehr wertvoll empfinden, sich für andere aufzuopfern. Dummerweise sind die Eltern, die in der Erziehung ganz aufgehen und nach dem Glaubenssatz leben „nur wenn es meinen Kindern gut geht, geht es auch mir gut“ nicht besonders beliebt bei den Jugendlichen. Vielmehr macht diese Abhängigkeit und Opferhaltung die Jugendlichen aggressiv, führt sie doch zur Symbiose. Aber der Jugendliche will sich abgrenzen und nicht verantwortlich für die Eltern sein. Schätze deine Kraft lieber realistisch ein. Wie viele Mütter landen in einer Kureinrichtung, weil sie sich in der Mutterrolle völlig verausgabt haben. Renne deinem Kind, dass sich in seine Höhle zurückzieht nicht hinterher. Lass deinem Kind diese Zeit für sich und nimm dir stattdessen die Zeit für die Person, die du wirklich verändern kannst: kümmere dich um dich und deine eigenen Entwicklungsaufgaben! 

5. Entwicklungsaufgaben für Eltern

 

Eltern bestimmen ihre soziale Rolle neu und lösen sich von den Kindern und den damit verbundenen Lebensinhalten

Wenn Kinder in absehbarer Zeit ausziehen, bedeutet das auch für Frauen und Männer den Abschied von einer eigenen Lebensstufe. Auch sie müssen bereit zu Aufbruch und Neubeginn sein. Im Grunde müssen Eltern das Gleiche leisten wie ihre Kinder in dieser Stufe. Stück für Stück gibst du deine Aufgaben als Mutter oder Vater ab. Es wartet ein Leben auf dich, indem du wieder mehr Frau oder Mann sein kannst. Du löst dich aber nicht nur von der Rolle als Mutter oder Vater, sondern nicht selten auch von Kontakten, die nur wegen der Kinder bestanden. Manchmal muss man sich von den Wunschvorstellungen verabschieden, die man für die eigenen Kinder hatte und sie ihr Leben so leben lassen, wie sie es sich vorstellen. Spätestens mit der Volljährigkeit haben deine Kinder sowieso in vollem Umfang das festgelegte Recht, selbstverantwortlich ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Jedweder Abschiedsprozess ist emotional und braucht Zeit. Sorge gut für dich, wie du es zuvor auch für deine Kinder getan hast.

Körperliche Veränderungen

Menschen werden nun mal nicht jünger. Und wenn wir Kinder haben, scheint die Zeit unglaublich schnell zu verfliegen. Ein Reifungsprozess findet im Körper statt. Graue Haare, dritte Zähne, das (scheinbare) Nachlassen der Attraktivität, Wechseljahre mit Hormonschwankungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder eine veränderte Sexualität, all das muss Mann und Frau akzeptieren. Es macht keinen Sinn, verlorener Jugend nachzutrauern. Sieh das Wertvolle im Älterwerden. So macht die Lebenserfahrung in der Regel gelassener, innerlich ruhiger. Werte von Weisheit treten in den Vordergrund, der Druck Äußerlichkeiten gerecht werden zu müssen lässt nach.

Suche nach neuen Aufgaben

So sehr ich meine Kinder liebe, dennoch freue ich mich darauf, mehr Zeit für mich selbst zu haben. Bist du im Alltag nicht mehr an die Verantwortung für deine Kinder gebunden, kannst du alte Hobbies aufleben lassen oder neue finden. Oder willst du beruflich neu durchstarten? Während meines Abiturs, welches ich nach einer Lehre erst über den zweiten Bildungsweg absolvierte, lernte ich eine bemerkenswerte Frau kennen. Sie hatte gerade ihr Rentenalter erreicht und meinte, sie wolle sich endlich den Traum eines Studiums erfüllen. In der Uni sah ich später einige männliche und weibliche Gasthörer in Vorlesungen sitzen. Oder ein Nachbarehepaar, das mit einem Wohnwagen auf Europareise aufbrach. Welch entzückende Aussichten.

Und es kommt noch besser: die Pubertät deiner Kinder dauert viele Jahre. Jahre, in denen der Loslösungsprozess allmählich voranschreitet und Stück für Stück Freiräume für dich entstehen, die du schon jetzt mit neuen ganz persönlichen Inhalten füllen kannst. Im Grunde wünsche ich allen Müttern und Vätern, dass sie ihre Ich- Bereiche, die sie bereits hatten bevor sie Eltern wurden, zumindest in Teilen auch über die Elternzeit erhalten und pflegen. Je schöner du deinen persönlichen Ich- Bereich in der Vergangenheit gepflegt und genutzt hast, umso leichter wird dir dieser Entwicklungsauftrag fallen und umso weniger Trauer wirst du empfinden, wenn die Küken flügge werden.
Nicht zuletzt steht die Partnerschaft vor einer Neuordnung. Wieviel Mann und Frau konntet ihr euch erhalten? Auch hier besteht die Chance sich neu zu entdecken. Aber auch die Möglichkeit der Erkenntnis, dass euch außer Eltern- Sein nicht mehr verbindet.
Ich wünsche dir Mut und Zuversicht für deinen Entwicklungsweg und Humor. Denn Humor ist das Löffelchen von Zucker, das bittere Medizin versüßt.

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Autorin-Sabine Wolf

Dieser Artikel wurde von Sabine Wolf verfasst. 
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