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Alles plötzlich anders? Kinder in der Vorpubertät

Zwischen Kajal und Playmobil liegt eine merkwürdige Grauzone. Kinder kurz vor der Pubertät finden vieles langweilig, wirken oft passiv und so ganz anders – was können Eltern da tun?

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Kind in der Vorpubertät liegt im Kinderzimmer auf dem Boden

Die Zeit vor der Pubertät

Morgens muss es schnell gehen. Wie so oft holt Marie rasch einen Pullover und eine frische Hose für ihre 11jährige Tochter. Als sie ins Kinderzimmer kommt, faucht die sie an: „Oh, Mama geht’s noch? Du kannst doch nicht einfach ohne Anklopfen hier reinkommen. Und der Pulli passt eh nicht zu der Hose.“ Marie schluckt. Wo ist das fröhliche kleine Mädchen, das hier kürzlich noch gewohnt hat? Diese Kind trotzt ja wie ein Kleinkind. Der Gesichtsausdruck, fast wie damals ...

Die Zeit vor der Pubertät, so zwischen der vierten und sechsten Klasse, ist für Kinder nicht einfach. Die Ansprüche der Schule steigen. Klappt das mit dem Übergang zur Wunschschule? Zerbrechen Freundschaften am Schulwechsel? Der Körper fängt zum Teil schon an sich zu verändern und auch der Blick auf die Welt. Es ist ein Alter der Unklarheit, weder richtig Kind, noch richtig Teenager. Eben noch am liebsten an Mamas Hand, jetzt lieber allein zur Shoppingtour mit der besten Freundin, denn Mama ist „peinlich“. Absicht? Nein. Kinder in diesem Alter wissen meist selbst nicht recht, wer sie überhaupt sind. 

Kinder im Übergang, oder "nicht Fisch und nicht Fleisch"

Einerseits möchten Zehn- bis Dreizehnjährige noch gern weiter mit Lego spielen, mögen noch ihre Barbies oder Playmobil-Feen. Andererseits sind da immer mehr Dinge, die sie für sich selbst entdecken wie ihren eigenen Geschmack, die Einrichtung des Zimmers oder neue Klamotten. Auch wenn die Mutter vielleicht Leggings mit arg kurzer Hose doof findet – die 5. Klässlerin findet das eben gerade super cool – vor allem wenn die beste Freundin sie auch trägt. Einerseits sind Mama oder Papa noch ganz wichtige Orientierungspunkte, deren Zuwendung und Nähe sie suchen – andererseits sind die Meinungen der Freunde oder Freundinnen zunehmend wichtiger als die der Eltern.
Noch sind Kinder im Übergang am Anfang ihrer Suche, die sie als Pubertierende fortsetzen. Kinder in der Vorpubertät beginnen damit, Regeln in Frage zu stellen – wenn auch noch nicht ganze Wertesysteme. Mit einem Bein sind sie noch in der Kindheit, mit dem anderen sind sie schon fast waschechte Teenager - aber eben nur fast. 

Was tun, wenn das Kind nur noch lustlos ist?

Wie ein trotziges Kleinkind sieht Marie ihre Tochter. Damit liegt sie gar nicht falsch. Das „Trotzalter“ der Zwei- bis Dreijährigen wird in der Fachliteratur auch als „Autonomiephase“ bezeichnet, weil das kleine Kind das eigene Ich, den eigenen Willen nun testen und erproben muss. Um Autonomie, um Unabhängigkeit geht es nun auch in der Präpubertät. Auch hier hilft wie beim wütenden Kleinkind, wenn Eltern mit Ruhe und Verständnis reagieren.

Eltern erleben Präpubertierende oft als antriebs- und lustlos. Früher hat doch ein Ausflug zum Spielplatz immer Spaß gemacht? Jetzt will der Nachwuchs nicht mehr mit oder steht mürrisch herum. „Geh doch mal auf die Schaukel“ „Warum?“ kommt als patzige Antwort.  Auch die Eltern müssen noch lernen, dass das Kind nun andere Interessen hat. Nur welche? Wenn Mütter oder Väter nachhaken, ist das meist auch nicht recht. „Fragt doch nicht ständig. Lass mich in Ruhe“, ist durchaus öfter zu hören. Genauso wie „Ihr versteht mich nicht.“ Aber warum will die Tochter, die früher so gern zum Einkaufen mitkam nicht mehr beim Supermarkteinkauf unterstützen oder murrt, wenn sie den Müll runtertragen soll?  Das hat viele Gründe. „Es ist viel im Wandel in diesem Alter, und das nimmt viel Energie in Anspruch. Die Jugendlichen wissen ja selber nicht, was mit ihnen geschieht – wie sollen sie es dann erklären?“, erklärt der Psychologe und Konfliktforscher Allan Guggenbühl.

Auch der „Umbau“ des Körpers und des Gehirns beginnt und verlangt viel Energie. Kinder in der Vorpubertät haben oft ein großes Schlafbedürfnis, viel Hunger und sind schlapp. Sie fühlen sich unverstanden – weil sie auch sich selbst oft gar nicht verstehen.  Wie sollen sie denn erklären, dass sie eben schon dicke Bücher für Jugendliche lesen wollen und trotzdem auch noch ein Gute-Nacht-Lied von Papa vor gesummt bekommen möchten? Das wissen sie ja selbst nicht. Und gerade abends, beim Schlafengehen, öffnen sich manche Kinder und wollen reden – über ihren Tag, die schwierige Freundin, über das Leben ganz allgemein. Dann ist Zuhören Trumpf. Einfach dabeisitzen – als fester Anker in der sich immer schneller drehenden Teenie-Welt.

Gemeinsam planen und Freiräume geben

Kinder, die eine enge Bindung zu ihren Eltern haben, werden diese nicht verlieren. Sie wollen weiterhin dazugehören und schätzen ihre Familie – selbst, wenn das manchmal nicht zu spüren ist und der emotionale Überschwang jetzt nicht mehr Mama oder Papa, sondern eher den Freunden gilt. Auch wenn große „Kinder“ lustlos wirken haben sie durchaus weiterhin Interesse an gemeinsamen Aktivitäten. Aber vielleicht eben an anderen. Sie brauchen Aktionen, die sie selbst aussuchen oder wenigstens mitbestimmen können. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Ausflug zu einer Mini-Golf Anlage? Oder der Besuch eines Museums zu einem Thema, das alle interessiert. Durch gemeinsames Miteinander – das kann auch zusammen kochen oder schwimmen sein – ergeben sich wieder Gespräche. „Es braucht verschiedene Formen der Verständigung. Oft gelingt sie, wenn man sich gemeinsam einem Thema widmet oder etwas zusammen unternimmt,“ so Allan Guggenbühl. Das gilt auch für die gemeinsame Hausarbeit, für die man spätestens jetzt tragfähige Verabredungen braucht. In der Pubertät ist der Zug dafür sonst abgefahren.
Und die Großen brauchen Freiräume, die Eltern gewähren sollten. Das eigene Zimmer ist wichtiger als vorher. Hat man früher abends gemeinsam im Wohnzimmer den Tag ausklingen lassen, ziehen sich ältere Kinder meist lieber zurück in ihre eigene Welt. Auf dem Bett chillen und Musik hören, mit Freunden Nachrichten schreiben, am Computer Rennen fahren – all das hilft, den Abstand zum stressigen Schulalltag zu bekommen. Es lohnt sich, das Kinderzimmer zum Jugendzimmer umzugestalten – natürlich gemeinsam, damit es wirklich zur kleinen Insel wird, in der sich euer Kind wohlfühlt.

Zeit des Aufbruchs in eine neue Identität

So sehr die Zeit der Präpubertät von Verunsicherung geprägt ist, es passiert auch sehr viel Positives beim Kind. In diesem Alter wird das formale Denken ausgeprägt, wie Hirnforscher festgestellt haben. Kinder entwickeln jetzt die Fähigkeit komplexe und abstrakte Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen. Ihr Wortschatz steigt rasant an und ihre Gedankengänge sind erfrischend und oft wirklich so „atemberaubend“, wie der 10jährige sein neuestes Legokonstrukt nennt. Kinder, die bisher oft sehr chaotisch waren, wirken nun viel sortierter und die Diskussionen mit dem Nachwuchs werden nun richtig spannend. Das ist manchmal anstrengend, aber oft auch wirklich einfach sehr bereichernd.

Je größer das Vertrauen und die Gelassenheit bei den Eltern, desto leichter wird es auch für die Kinder, den Übergangsprozess mit Selbstvertrauen zu durchlaufen. Freut euch also auf eine neue Phase in eurem Elternleben, die auch eure Rolle neu definieren wird!

Autorin

Dieser Artikel wurde von Silke Plagge verfasst.