Eltern leben
Artikel
Artikel

Hilfe, ist mein Kind hochsensibel?

Wenn du dich fragst, ob dein Kind hochsensibel sein könnte, dann sind dir vermutlich einige Besonderheiten in seinem Verhalten aufgefallen, die dich stutzig machen. Besonderheiten, die darauf hinweisen, dass dein Kind möglicherweise seine Umgebung anders wahrnimmt als die meisten anderen Menschen.

Mädchen lässt Papierflugzeug im Wald steigen

Vielleicht besorgt dich dieser Gedanke?

Doch keine Panik: Hochsensibilität ist keine Einschränkung, sondern eine Gabe. Denn hochsensible Menschen haben ein besonders feines Gespür. Sie nehmen meist viel mehr wahr als andere, sind besonders aufmerksam, einfühlsam und kreativ. Das sind Stärken, die wertvoll sind und in jedem Lebensalter hilfreich sein können. Natürlich bringt die Hochsensibilität aber auch Eigenschaften mit sich, die dafür manches schwieriger machen. Das heißt aber nicht, dass dadurch große Probleme entstehen müssen – Eltern müssen nur lernen, die Besonderheiten ihres Kindes zu verstehen und ihm zu helfen, gut damit umzugehen.
Dazu findest du im unteren Abschnitt einige Tipps.

Woran erkennst du, ob dein Kind hochsensibel ist?

Hier findest du einige erste Auffälligkeiten, die darauf hinweisen können:

  • Dein Kind ist schreckhaft
  • Dein Kind merkt oft, wenn es jemandem nicht gut geht
  • Dein Kind fühlt stark mit anderen mit
  • Dein Kind reagiert empfindlich auf Veränderungen
  • Dein Kind macht sich sehr viele Gedanken
  • Dein Kind ist sehr empfindlich, was z.B. kratzende oder harte Stoffe, Gerüche oder Schmerzen angeht
  • Dein Kind ist schnell gestresst, wenn es laut ist
  • Dein Kind bemerkt selbst kleinste Veränderungen in seiner Umgebung

Diese Kritierien beruhen auf dem Hochsensibiliäts-Test von der Expertin Elaine N. Aaron, der in ihrem Buch „Das hochsensible Kind“ zu finden ist. Solltest du viele dieser Anzeichen bestätigen können, mache am besten den vollständigen Test. In dem genannten Buch oder im Netz z.B. auf >>hochsensiblefamilie

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Wenn du vermutest, dass dein Kind hochsensibel ist, dann möchten wir dich noch einmal beruhigen: Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern einfach eine Besonderheit, von der geschätzt etwa 10-20% der Bevölkerung betroffen sind. Hochsensible Menschen können ihre Ziele genauso erreichen wie andere auch – wichtig ist nur, dass sie ihre Eigenschaft kennen und verstehen und lernen, gut damit umzugehen.

Denn wenn man vieles bemerkt und spürt, ist das gleichzeitig eine besondere Gabe – aber auch ziemlich anstrengend. Hochsensible Menschen „stellen sich nicht an“, sondern sie nehmen wirklich alles viel stärker wahr, als normal sensible Menschen. Stell dir einfach vor, die Lautstärke, die du noch ganz okay findest, ist doppelt so laut. Oder die Hose, die zwar nicht weich, aber doch ganz in Ordnung ist, fühlt sich viel härter an.

Manches kann man sich auch kaum vorstellen, wenn man nicht selbst hochsensibel ist: Zum Beispiel, wie viel Kraft es kostet, wenn man Stimmungen und Gefühle so stark wahrnimmt. Wenn Veränderungen einen total durcheinander bringen, weil einem immer so viele Gedanken, Fragen oder Sorgen in den Kopf kommen.
Wichtig ist, dass du als Elternteil dir immer wieder klar machst: Dein Kind muss viel mehr Eindrücke verarbeiten, als die meisten anderen Kinder. Und weil es alles so viel stärker wahrnimmt, ist es auch schneller erschöpft oder gestresst.

Tipps: Wie kann ich meinem hochsensiblen Kind konkret helfen?

  • Erkläre deinem Kind in einfachen Worten, was es heißt, hochsensibel zu sein: „Menschen merken und spüren Dinge unterschiedlich stark. Manche Menschen stört es z.B. gar nicht, wenn es laut ist, für sie hört es sich gar nicht so laut an. Andere Menschen aber bemerken Geräusche viel genauer und sind deshalb auch schnell gestresst, wenn etwas laut ist. Und es gibt Menschen, die machen sich auch viel mehr Gedanken oder Sorgen als andere. Du bist ein Mensch, der alles sehr genau merkt und spürt. Du achtest genau auf alles, bemerkst direkt, wenn sich etwas ändert. Man könnte sagen, du bist ein „Viel-Fühler“. Und deshalb machst du dir auch viele Gedanken und manchmal Sorgen. Und erschrickst dich auch schneller. Aber keine Sorge, es gibt noch viele andere Menschen, die auch solche Viel-Fühler sind wie du. Das ist nichts Schlimmes und es gibt Tipps, damit man nicht so schnell gestresst ist.“

  • Achte auf regelmäßige Ruhezeiten, z.B. ausreichend Schlaf und auch Pausen am Tag, damit dein Kind Zeit hat, alle Eindrücke zu verarbeiten. Verzichte nicht zu früh auf den Mittagsschlaf. Auch wenn dein zweijähriges Kind sich weigert, versuche, dich zumindest kurz mit ihm zusammen hinzulegen oder eine ruhige CD anzustellen.

  • Kuscheln und Massagen tun allen Kind gut – auch Hochsensiblen. Wenn es die Massage nicht mag, schau' mal, ob etwas festere, größere Berührungen besser sind. Oder Kraulen oder Streicheln oder gemeinsam auf dem Sofa schmusen…

  • Vermeide zu viele Termine: Jeden Tag Programm ist meist zu viel für hochsensible Kinder. Sie brauchen viel Zeit, in der sie einfach in ihrer vertrauten Umgebung sind.

  • Suche nach passender Betreuung: Schon normal sensible Babys und Kleinkinder sind vom Krippenalltag oft überfordert – für hochsensible ist es eine extreme Belastung, mit 14 anderen Kindern in einem Raum zu sein! Besser ist es, wenn hochsensible Kinder in den ersten drei bis vier Jahren zuhause oder stundenweise von einer liebevollen Tagesmutter betreut werden. Die Eingewöhnung sollte langsam und behutsam sein. Wenn möglich, suche auch ab drei bis vier Jahren einen Kindergarten mit kleineren Gruppen, z.B. Elterninitiativen oder Integrationsgruppen. Denn Regelgruppen mit 25 Kindern bedeuten viel Gewusel und Lautstärke, was für Hochsensible sehr belastend ist. Und: Versuche, auf Ganztags-Fremdbetreuung zu verzichten. Die meisten Kinder, besonders aber hochsensible, sind nach spätestens 5-6 Stunden Kindergarten völlig erschöpft.

  • Mach' keinen Druck: Hochsensible Kinder brauchen besonders viel Zeit, sich an neue Situationen zu gewöhnen. Begleite dein Kind in den ersten Tagen und ziehe dich dann schrittweise zurück.

  • Rücksicht nehmen: Versuche, auf die Feinfühligkeit deines Kindes Rücksicht zu nehmen – man kann hochsensible Kinder nicht „abhärten“! Zwinge es also nicht, bei Menschen zu bleiben, die es noch nicht gut kennt. Suche geduldig nach Klamotten, die es gern trägt – meist weiche Stoffe und Knöpfe statt Reißverschlüssen.

  • Übe mit deinem Kind einfache Entspannungsübungen. Es gibt u.a. tolle Fantasiereisen für Kinder (z.B. „Fantasiereisen für Kinder“ von Sabine Kalwitzki).

  • Höre deinem Kind geduldig zu und hilf' ihm, Sorgen auszusprechen und loszulassen. Vielen Kindern hilft ein Sorgenfresser (Kuscheltier mit Reißverschluss für Zettel, auf die Sorgen notiert werden) oder eine Sorgen-Box

  • oder auch eine Gebets-Box, in der aus Sorgen Gebete um Unterstützung und Hilfe formuliert werden.

  • Ermutige dein Kind, indem du ihm positive Rückmeldungen gibst: „Toll, dass du so fleißig übst!“ oder „Es ist echt mutig, wie du heute einfach allein bei Tina geblieben bist.“ oder auch immer mal wieder: „Du bist einfach etwas Besonderes! Ich liebe dich, genauso, wie du bist!“

  • Rituale und klare Strukturen: Es hilft, wenn bestimmte Abläufe gleich bleiben. So erleichtert ein Abendritual (z.B. Kuscheln, über den Tag reden, Vorlesen, Gute Nacht Lied) den Abschied vom Tag. Ein bestimmter Segensspruch oder gleichbleibender Abschiedssatz mit Kuss morgens gibt Sicherheit, bevor es zur Kita oder in die Schule geht. Kündige auch an, was heute ansteht, wie viel Zeit dein Kind noch hat, z.B. vor einem Termin.

allgemeine Beratung

Du bist dir noch immer unsicher und hast weitere Fragen? >>Dann stell uns deine Frage! Unser Expertenteam hilft dir gerne weiter.

Melanie Schüer

Autorin-Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
Klicke >>hier, um mehr über unser Redaktions-Team zu erfahren.