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Time-out - sinnvolle Erziehungsmethode oder grausame Strafe?

Sowohl in Kindergärten und Schulen als auch in der Erziehung zuhause ist eine Methode zurzeit besonders beliebt: Das sogenannte „Time-out“. Dabei wird ein Kind, das gegen Regeln verstoßen hat, aufgefordert, den Raum zu verlassen bzw. sich auf eine „stille Treppe“ zu setzen. Zuhause wird das Kind oft in das eigene Zimmer geschickt. 

Abstand gewinnen kann sinnvoll sein

Auf den ersten Blick erscheint das pädagogisch nicht dumm: Das Kind bekommt eine klare negative Rückmeldung für sein unerwünschtes Verhalten und gleichzeitig die Chance, sich zu beruhigen und zu überdenken, was es falsch gemacht hat. Auch wir Erwachsenen kennen erhitzte Konfliktsituationen, in denen es hilfreich ist, wenn man erst einmal auseinandergeht und etwas Abstand gewinnt.
Allerdings muss man hier sehr klar unterscheiden: In einer solchen Situation entscheiden sich entweder beide, dass es nötig ist, sich zeitweise zu trennen. Oder aber nur einer empfindet dieses Bedürfnis – und dann ist in der Regel er auch derjenige, der die Situation verlässt. In diesem Beispiel wird also niemand „weggeschickt“ und damit „bestraft“. 

Ein Time-out ist eine Strafe

Beim Time-out hingegen kann von Freiwilligkeit keine Rede sein. Das Kind wird weggeschickt; es bekommt das deutliche Signal, in der Gemeinschaft nicht mehr erwünscht zu sein – egal, ob man es mit freundlichen Worten oder voller Wut auffordert, den Raum zu verlassen. Der Erziehungsexperte Jesper Juul wendet sich deutlich gegen Time-outs und begründet das folgendermaßen: „Wir dürfen niemals vergessen, dass Kinder nicht unterscheiden können, ob sie bestraft oder ausgeschimpft werden für was sie getan haben, oder für was sie sind. Sie sind sich dieses Unterschieds nicht bewusst, bevor sie 8-10 Jahre alt sind, und viele Erwachsene, die als Kind gekränkt worden sind, reagieren weiterhin so, als ob alles ihre Schuld wäre. Es nützt auch nichts, dies durch politisch korrekten Sprachgebrauch zu verdecken, sodass man nicht von Strafe, sondern von Konsequenz spricht“.
Die große Gefahr beim Time-out ist also, dass das Kind sich als Person abgelehnt fühlt – auch wenn wir noch so sehr versuchen, diese Methode freundlich zu begründen. Das Kind erlebt nicht, dass wir schwierige Situationen gemeinsam mit ihm durchstehen – sondern, dass wir es, wenn es unsere Erwartungen nicht erfüllt, fortschicken. Dieses Gefühl wird höchstwahrscheinlich auch dann bleiben, wenn wir kurze Zeit später ruhig mit dem Kind nach einer Lösung suchen. Die Minuten, die das Kind isoliert und hilflos im Zimmer saß, werden dadurch nicht ungeschehen gemacht.

Strafen lenken ab

Außerdem hat ein Time-out ähnlich problematische Wirkungen wie andere Strafen: Sie bewirken meist nicht, dass ein Kind wirklich einsieht, warum ein Verhalten falsch war. Vielmehr lenken Strafen von dem eigentlichen Thema ab. Denn in der Regel führen Strafen dazu, dass das Kind sich ungerecht behandelt fühlt und wütend oder traurig wird über das, was die Strafe für ihn bedeutet – zum Beispiel, nicht mehr mitspielen zu können. Das heißt: Das Kind beschäftigt sich mit dem, was die Strafe für es selbst bedeutet – aber nicht mit dem, was es eigentlich aus der Strafe lernen soll. Auch verhindern Strafen oft, dass man als Erwachsener ernsthaft überlegt, welche Ursachen hinter dem Verhalten stecken könnten. Denn wenn Kinder sich „daneben benehmen“ ist das oft ein Zeichen dafür, dass sie in irgendeiner Hinsicht gestresst oder überfordert sind. Mehr zum Thema Strafen kannst du in folgendem Artikel nachlesen: Strafe muss sein? Warum Strafen in der Erziehung wenig taugen!

Vernunft - für Kleinkinder keine Handlungskategorie

Hinzu kommt, dass Time-outs oft in einem Alter eingesetzt werden, in dem die Kinder ihre Emotionen und ihr Verhalten noch kaum kontrollieren können. Kleinkindern fehlt eine Fähigkeit, die wir Erwachsenen besitzen: Impulskontrolle, also die Fähigkeit, Impulse wie „Ich will das Spielzeug haben, das ist unfair!“ nicht direkt handgreiflich durchzusetzen, sondern erst einmal nachzudenken oder das Problem ruhig anzusprechen. Sie sind noch extrem instinkt- und emotionsgeleitet und tatsächlich ist ihre Gehirnentwicklung noch in einem Stadium, in denen vernünftiges Verhalten oft einfach nicht klappt, weil die Gefühle viel stärker sind. Die Impulskontrolle entwickelt sich erst langsam – erste Fortschritte beobachtet man oft im Alter von vier bis fünf Jahren, aber selbst Jugendliche können ihre Emotionen noch nicht so gut steuern. Vollständig entwickelt ist die zuständige Hirnregion erst mit ca. Anfang bis Mitte zwanzig!
Deshalb bedeuten Time-outs oft, dass wir Kinder für etwas bestrafen, das sie einfach noch nicht besser hinkriegen.

Und was machen wir stattdessen?

Es kann durchaus Situationen geben, in denen das Problem nicht mit allen vor Ort gelöst werden kann oder, in denen, wie oben erwähnt, Abstand nötig ist. Wenn zum Beispiel im Kindergarten ein Kind immer wieder andere verletzt, dann müssen die anderen geschützt werden und das Kind braucht ein deutliches Signal. Wenn das Kind dann aber allein auf dem Flur oder in einer Ecke sitzen muss, wird der Stress dieses Kindes nur weiter verstärkt, sein Selbstwertgefühl geschwächt und auf Dauer werden die Probleme eher schlimmer.
Es kann nötig sein, dass das Kind eine Weile den Gruppenraum verlässt, um sich zu beruhigen und über sein Verhalten nachzudenken – dies sollte aber in Begleitung eines Erwachsenen passieren und nicht mit der Botschaft: „Raus mit dir, so jemanden wollen wir hier nicht!“, sondern eher im Sinne von: „Wir müssen die anderen schützen und du brauchst ein paar Minuten, um dich zu beruhigen.“ Zu diesem „begleiteten Time-out“ kann es durchaus gehören, dass man ein bis zwei Minuten schweigt, um dem Kind zu ermöglichen, sich eigene Gedanken zu machen. Dann kann man versuchen, ohne Vorwürfe zu erfragen, warum das Kind das jeweilige Verhalten zeigt. Und auch klare Ansagen darüber, was erwartet wird, haben hier ihren Raum.
Ganz wichtig ist, wie schon angedeutet, zu überlegen, welche Ursachen hinter dem Problemverhalten stecken könnten. Gibt es Probleme zuhause? Braucht das Kind gerade etwas mehr Zuwendung? Bekommt es genügend Schlaf?
Auch zuhause kann so ein begleitetes Time-out hilfreich sein: Der Erwachsene kann mit dem Kind in einen anderen Raum oder nach draußen gehen, sich hinsetzen und sagen: „Lass uns mal beide eine Zeit lang ruhig sein und nachdenken, was eigentlich das Problem ist und, wie wir es lösen können.“ So erhält das Kind zwei wichtige Botschaften: Es wird in die Verantwortung genommen und bekommt zu spüren, dass sein Fehlverhalten nicht hingenommen wird – und dennoch bleibt sein Vater oder seine Mutter an seiner Seite und versucht, mit ihm gemeinsam einen Lösungsweg zu finden. 

Eltern in der Führungsrolle

Manchmal, wenn man als Mutter oder Vater kurz davorsteht, total auszurasten und auch ein paar tiefe Atemzüge nicht helfen, kann es auch nötig sein, sich selbst ein Time-out zu erlauben. In dem Fall kann man zum Beispiel sagen: „Ich brauche kurz Ruhe. Bin gleich wieder da.“ und zum Beispiel in den Garten gehen und frische Luft schnappen oder in die Küche und einen Schluck Wasser trinken. Auch das ist dann etwas ganz Anderes als das Time-out für das Kind, weil man das eigene Bedürfnis, kurz Abstand zu gewinnen, ernst nimmt und nicht das Kind abweist. Diese „Eltern-Time-outs“ sollten aber nicht zu häufig vorkommen und nicht länger als wenige Minuten dauern.
Eltern haben eine Führungsrolle und sind Vorbilder für ihre Kinder. Deshalb ist unsere Haltung gegenüber unseren Kindern so wichtig: Ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen den vorgeschlagenen Handlungsmustern und Strafen wie Time-outs, Hausarrest und Co besteht darin, dass wir unser Kind nicht als kleinen Tyrannen sehen, gegen den wir uns durchsetzen müssen, sondern als eine eigenständige, wertvolle Person, mit der wir am gleichen Strang ziehen und die wir dabei unterstützen, zu lernen, wie man sein Leben positiv gestalten kann. 

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Melanie Schüer

Autorin-Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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