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Papa pendelt – wie funktioniert Familie in Fernbeziehung?

Ein neues Jobangebot oder eine neue Auftragslage in der Firma zwingen immer mehr Berufstätige zum Wohnortwechsel. Doch wenn die Familie nicht mit umziehen kann oder mag, dann lebt die ganze Familie in einer Fernbeziehung. Das kann gelingen.

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Pendelnder Vater im Auto blickt auf die Uhr

Papa pendelt

Die Insolvenz seiner Firma kam für Johannes nicht ganz unerwartet. Schon seit Monaten wusste jeder um die schlechte Auftragslage. Der leitende Ingenieur war sich sicher, dass er schnell wieder einen neuen Job findet. Nach nur drei Bewerbungen hatte er auch ein gutes Angebot. Mit einer spannenden Aufgabe. Doch sie hatte einen Haken: der neue Arbeitsplatz war 400 Kilometer entfernt. Für Johannes und seine Frau kam es nicht in Frage, sofort umzuziehen. Die Kinder gingen ja gern in ihre Schule; die Große sollte bald auf das Gymnasium kommen und ihren Sohn hatten sie gerade eingeschult.
„Wir kommen schon klar“, hatte Maria gesagt. Denn wenn sie ehrlich war, konnte auch sie sich einen Umzug in eine andere Stadt nicht vorstellen. Ihre Eltern, ihre Freunde, alle lebten in dieser norddeutschen Kleinstadt. Was sollte sie in Hessen? Aber der neue Job war Johannes wichtig. Also einigte sich das Paar darauf, dass Johannes sich vor Ort eine kleine Wohnung mieten würde und jedes Wochenende nach Hause kam.
Einfach war das nicht. Johannes vermisste die Familie, fühle sich als Teilzeit-Single. Maria hatte das Gefühl eigentlich Alleinerziehend zu sein. Der gesamte Alltag und die gesamte Organisation lagen allein bei ihr. Und die Kinder? Die vermissten ihren Papa. Aber nicht so sehr. Denn so anstrengend die Umstellung auch war, Johannes rief täglich an, blieb mit kleinen Nachrichten und per Videokonferenz täglich in Kontakt.

Weit weg und doch ganz nah - nicht einfach

Viele Familien teilen das Los der Fernbeziehung. Manchmal sind es nur lange Dienstreisen, oft auch neue Standorte oder ein nicht vermeidbarer Jobwechsel.
Für Kinder ist ein pendelnder Vater nicht einfach. Je jünger die Kinder sind, desto mehr leben sie im Augenblick und desto schwieriger sind die häufigen Trennungen, gerade in den ersten drei Lebensjahren. Schulkinder haben schon eine enge Bindung zu ihren Eltern aufgebaut, kennen die Familie als Einheit und sind in ihrem Alltag oft mehr auf ihre Freunde und die Schule konzentriert. Wenn sie wissen, dass der Vater für sie  auch notfalls per Telefon zur Verfügung steht, dann fühlen sie sich ihm auch so nah.
Doch auch wenn große Schulkinder intellektuell verstehen, dass der Vater, oder auch die Mutter, nun nicht mehr jeden Tag zu Hause ist, kann es sein, dass sie unter der neuen Situation leiden. Trotz und Ablehnung kann eine Reaktion sein. Für den anrufenden Vater ist es schwer, wenn das Kind nicht mit ihm sprechen will, wenn es schroff und abweisend ist. Das kann aber ein Schutzmechanismus sein – denn vielleicht lässt die Stimme die Sehnsucht so groß werden, dass das Kind traurig ist.

Rituale erleichtern den Alltag auf Distanz

Was helfen kann? Kleine Abschiedsrituale, je nach Alter der Kinder. Ein Foto von Papa. Die Kinder sollten am besten wissen, wo der Vater arbeitet, die „Wochenwohnung“ kennen und sehen, dass dort vielleicht ein Foto von ihnen steht und sie auch in Papas Alltag immer einen festen Platz haben.
Wenn der Vater nach der Abwesenheit wiederkommt, muss er auch damit rechnen, dass nicht immer riesige Willkommensfreude herrscht. Oft ist die Partnerin angespannt, die Kinder sind beschäftigt und sehen ihren Vater als Gast. Auf genau diese Rolle sollte er sich aber nicht einlassen. Das Wochenende sollte als Zeit für die Familie und die Partnerin genutzt werden. 

Gute Absprachen helfen

Die neue Familiensituation ist für alle nicht einfach. Wichtig ist, dass gute Absprachen getroffen werden. Wer ist für was zuständig? Können Alltagsentscheidungen auch gemeinsam am Telefon gefällt werden? Ist die Distanz nur für einen bestimmten Zeitraum? Was, wenn einer der Partner sehr unglücklich ist?
Die Erwachsenen müssen viel absprechen und regeln. Wichtig: Auf das eigene Gefühl achten und nicht nur auf das, was von der Außenwelt erwartet wird. Gerade wenn Paare sich nur am Wochenende sehen, muss die wenige gemeinsame Zeit auch geplant werden. Bleibt auch noch Zeit für einen gemeinsamen Abend zu zweit? Oder wird der Freitag nur dazu genutzt, sich auf den neuesten Stand zu bringen? Ein Wochenende kann ganz schön knapp sein. 

Die Familie zuerst

Nach einigen Monaten sollte Bilanz gezogen werden. Ist die Pendelei auf Dauer möglich? Oder soll doch die ganze Familie umziehen? Oder ist es besser, den Job zu wechseln oder gar die Rollen zu tauschen? Je älter die Kinder sind, desto wichtiger ist hier ein gemeinsamer Familienrat, um für alle Familienmitglieder eine gute Lösung zu finden. Das gelingt bestimmt, wenn sich alle im Ziel einig sind: egal wie, wo und was: die Familie steht an erster Stelle!

Autorin

Dieser Artikel wurde von Silke Plagge verfasst.