Pro / Contra

Zwei volle Jobs?

Kinder verändern unser Leben und sie zwingen uns, Entscheidungen zu treffen. Gehe ich wieder arbeiten? Wann ist der beste Zeitpunkt wieder einzusteigen? Aber diese Überlegungen reichen noch nicht aus, denn wir müssen für uns auch noch sortieren, was unsere beruflichen Ziele sind und wie viel Zeit wir mit der Familie verbringen möchten. Sind zwei volle Jobs die Lösung? Hierzu zwei unterschiedliche Erfahrungsberichte, die euch helfen können, eure Entscheidung zu treffen.

Pro und Contra
Mutter und Vater im Gespräch auf dem Sofa

Christina Rahtgens: "Anstrengend aber großartig"

Christina Rahtgens, 41, arbeitet in einer Unternehmensberatung und ist dort für Neue Medien verantwortlich. Sie ist nicht nur beruflich sondern auch privat leidenschaftlich auf Facebook, Twitter und Co. unterwegs. Ihr Beruf verlangt viel Flexibilität, auch zeitlich. Dadurch gewinnt sie Freiräume, die sie dann sehr gern mit ihren Kindern (6 und 9) nutzt.

Ich arbeite Vollzeit. Mein Fazit dazu: Es ist furchtbar anstrengend! Aber auch sehr großartig. Und ohne eine ausgeklügelte Logistik nicht zu machen. Ich habe einen tollen Job. Ich habe Aufgaben, die mir Spaß machen und bei denen ich mit interessanten und interessierten Menschen zusammen arbeiten kann. Nachdem meine Kinder geboren wurden bin ich jeweils 6 Monate mit ihnen zu Hause geblieben und habe dann in Teilzeit weiter gearbeitet. Nachdem meine kleinere von zwei Töchtern 3 Jahre alt war, habe ich wieder auf Vollzeit aufgestockt und eine Abteilung übernommen. Durch meine Arbeit bekomme ich Bestätigung und Befriedigung außerhalb von Familie und Haushalt, und ich setze das fort, was ich nach langer Ausbildungszeit und ersten Berufsjahren aufgebaut habe. Ich lerne jeden Tag viel und komme voller Zufriedenheit und interessanter Erlebnisse zufrieden nach Hause. Meistens zumindest.  An den meisten Tagen bin ich tagsüber nicht zu Hause und gelegentlich reise ich auch über Nacht. Ohne ausgeklügelte Logistik und unendlich liebevolle helfende Menschen ist das nicht zu stemmen.
Es braucht für mich einen liebevollen und gleichgesinnten Partner, der die anfallenden Hausarbeit teilt, auf den sich die Kinder genauso stützen können wie auf mich und der mich in dem was ich tue unterstützt und fördert. Und ich brauche eine Betreuungsinstitution, der ich vertrauen kann, und viele weitere Helfer von Oma bis  Babysitter, die uns helfen den Alltag zu bewältigen, die aber auch im Notfall einspringen können.
Ich glaube ganz sicher, das Beste was man Kindern bieten kann, ist ein liebevolles und stabiles Zuhause und zufriedene und glückliche Eltern. Wie das erreicht wird, ist sicher bei jedem unterschiedlich. Meine Zufriedenheit und Glück ziehe ich zum einen aus meinen wundervollen Kindern und zum und zum anderen aus der Bestätigung, die ich aus meiner Arbeit generiere. Unsere Familie ist ein liebevoller, durchorganisierter, glücklicher, immer am Rande des Chaos lavierender Ort der Freude und des fröhlichen Miteinanders. Und obwohl mein Mann und ich nicht immerzu zu Hause sind, so sind wir doch immer präsent und  es besteht absolut kein Zweifel darüber, wer unsere Kinder erzieht - erzieht zu selbständigen und selbstbewussten Mädchen, die erleben, dass eine Mami nicht nur zu Hause eine wichtige Rolle spielt.

Sofia Lazaridou: "Ich habe die Möglichkeit, am Leben meines Kindes teilzunehmen"

Sofia Lazaridou, 44, Mutter eines 6-jährigen Sohnes. Sie arbeitet bei einem Telekommunikationsanbieter im Bereich Investor Relations. Zeit hat für sie einen neuen Wert bekommen, den sie ganz gezielt anlegt: für ihren Sohn und für sich ganz persönlich.

Ich habe viel und gerne gearbeitet und muss gestehen, dass es mir nicht klar war, wie sich mein/unser Leben mit Kind verändern würde. Für mich war es eine komplette Umstellung. Ich ließ mich ganz darauf ein: Ich stillte 8 Monate und genoss es durchaus - nach einer sehr intensiven beruflichen Phase - zu Hause zu sein. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl als siamesischer Zwilling durch die Welt zu laufen. Mein Kind war immer an und bei mir. Mir fehlte mein Freiraum und ich begann auch ein Stück meiner Identität zu vermissen. „Das kann doch noch nicht alles gewesen sein“.
Und so begann ich mit „nur“ 30 Stunden den Wiedereinstieg. Das gefühlte „nur“ hatte sich schnell relativiert. Meine lange Anfahrt zum Job, verbunden mit dem Weg zur Kita ließ mich ganz schnell auf 25 Stunden reduzieren. Trotzdem war das eine schwierige Zeit. Ich hatte das Gefühl ständig hin und her zu pendeln. Die Nachfragen aus meinem privaten Umfeld (Hast du denn genug Zeit für Dein Kind?) und die Bemerkungen der kinderlosen Kollegen, wenn ich vor ihnen ging (Na, du hast es ja gut. Gehst jetzt schon nach Hause) machten mir schwer zu schaffen. Ich nahm das alles sehr persönlich und fühlte mich stets angegriffen und für alles verantwortlich. Ich genoss die Zeit mit meinem Kind sehr, aber als mein Sohn dann extrem anhänglich wurde, zunehmend übellaunig und eigenbrötlerisch, stand ich kurz vor einer Zerreißprobe. Die Ursache für sein Verhalten lag aber nicht bei mir – der werktätigen Rabenmutter, sondern es war schlichtweg ein Problem mit seinen Ohren, was ihm zu schaffen machte.
Im Job habe ich nun gelernt meine Prioritäten zu setzen und mache damit sehr gute Erfahrungen: Es gibt eine klare Aufgabenteilung und meine eigenen Bereiche sind abgesteckt. Wichtig ist, dass ich meine Jobs beziffern und selbständig zu Ende bringen kann. Auch wenn diese nun etwas kleiner im Umfang sind als zuvor. Dafür habe ich die Möglichkeit, am Leben meines Kindes teilzunehmen. Er lädt Freunde nach Hause ein, und auch wir haben unsere eigenen Verabredungen.
Mittlerweile gibt es bei uns im Unternehmen mehr Eltern und ich stelle mit Freude fest, dass meine männlichen Kollegen zunehmend versuchen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Ich kann das gut verstehen, wenn wir die Meetings vor 15.00 Uhr ansetzen. Übrigens überlege ich gerade, ob ich meine Stundenzahl nicht noch ein wenig reduzieren werde. Die gewonnene Zeit werde ich in mich investieren.