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Fremdverliebt - was tun?

Inmitten von Kinderspielzeug, Infekten und durchwachten Nächten die Liebesbeziehung lebendig zu halten, ist eine große Herausforderung. Die meisten Paare sind als Eltern unzufriedener mit ihrer Beziehung als vor der Geburt des ersten Kindes. Kein Wunder: Man hat weniger Zeit, dafür aber viel mehr Arbeit und die eigenen Bedürfnisse kommen ständig zu kurz. Abends ist man oft so erschöpft, dass man nur noch schlafen will – für Erotik bleibt da nicht viel Raum. Da kann es passieren, dass plötzlich Gefühle für einen anderen Menschen da sind, der womöglich genau das verkörpert, wonach wir uns gerade sehnen. 

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Frau umarmt Mann

Irgendetwas fehlt

Wenn wir uns fremdverlieben, dann löst der Mensch, in den wir uns verlieben, meist etwas in uns aus das wir in unserem Alltag oder in unserer Beziehung vermissen. Häufig fehlt gestressten Eltern Spaß, Leichtigkeit oder das Gefühl, umworben und begehrt zu werden. Wenn du also Gefühle für einen anderen Menschen entwickelst, frage dich zunächst: Was genau finde ich an ihm so anziehend? Was davon fehlt mir gerade in meiner Beziehung oder meinem persönlichen Leben? Und: Brauche ich wirklich diesen Menschen, um diese Sehnsucht zu erfüllen? Oder könnte ich das auch in mir selbst oder in meiner jetzigen Partnerschaft finden?

Schreib' die Affäre zuende

Eine hilfreiche Methode: Schreibe die Affäre doch einmal zu ende! Schreibe ganz unzensiert auf, was passieren würde, wenn du deine Gefühle ausleben würdest. Lass' deiner Phantasie freien Lauf und erlebe in deiner Vorstellung die aufregende erste Phase voller Glückshormone und Zärtlichkeit. Beschreibe aber auch, wie es weitergehen würde, wenn die Schmetterlinge im Bauch langsam weniger werden und der Alltag einkehrt. Stelle dir all die Begebenheiten vor, die im Zusammenleben früher oder später vorkommen: Stinkende Socken neben dem Bett. Haare in der Dusche. Vergessene Verabredungen. Nächte mit kranken Kindern. Besuch bei Verwandten. Achte auch im Zusammensein mit dem Menschen, in den du verliebt bist, mal bewusst auf Äußerlichkeiten oder Verhaltensweisen, die dir nicht so gut gefallen. Welche Eigenschaften könnten auf Dauer anstrengend sein? Welche Konflikte könnten entstehen? Gäbe es einen Platz für die Kinder? Und überlege auch: Was würde dir an deinem jetzigen Partner/deiner Partnerin fehlen? Welches Bedürfnis könnte der andere Mensch vielleicht nicht so gut erfüllen wie er? Das hilft, sich ein wenig von der Macht der rosaroten Brille zu befreien.

Teufelskreis Verliebtheit

Lohnt es sich wirklich, für ein kurzes Abenteuer, auf das in der Regel Ernüchterung folgt, das, was du und dein Partner/deine Partnerin aneinander habt, aufs Spiel zu setzen? Schau' dir doch mal den Film „Take this Waltz“ an: Eine Frau ist gelangweilt von ihrer Beziehung, begegnet einem anderen Mann und ist hin und weg. Sie verlässt ihren Partner und beginnt eine Beziehung mit dem neuen Mann. Anfangs ist alles aufregend, erotisch, wunderbar. Doch dann kehrt nach und nach Normalität ein und am Ende stellt man als Zuschauer fest, dass ihr Alltag wieder genauso ist wie zuvor – nur mit einem anderen Mann. Eine alte Geschichte, konsequent erzählt und dadurch sehr eindrucksvoll. Denn genau das passiert, wenn wir immer wieder unseren Gefühlen nachjagen: Wir erleben kurzes Glück und dann stellen sich Alltag und Ernüchterung ein. Wenn du nicht bereit bist, zu lernen, wie aus Verliebtheit Liebe wird, findest du dich womöglich in einem ewigen Kreislauf aus kurzen Beziehungen und schmerzhaften Trennungen wieder. Liebe muss wachsen, braucht Zeit und Achtsamkeit. Sie ist zwar nicht immer so extrem, wie der Hormonsturm zu Beginn der Beziehung aber dafür viel tiefer und tragfähiger, auch wenn mal schwere Zeiten kommen. 

Liebe dich selbst

Kein Mensch, und wenn er uns noch so sehr liebt, kann uns auf Dauer „glücklich machen“. Erstens sind Krisen ein ganz natürlicher und unausweichlicher Bestandteil jeder Beziehung. Und zweitens kann kein Mensch alle Bedürfnisse eines anderen vollständig stillen. Viele Sehnsüchte können wir nur erfüllen, wenn wir in uns selbst suchen. Wenn wir Verletzungen offenlegen, Bitterkeit loslassen, jemanden alte Ängste anvertrauen, Gott suchen, Fragen stellen, alte Antworten loslassen und neue Wege bestreiten. Vielleicht brauchst du, braucht ihr, dabei auch Hilfe von außen durch Beratung. Eva-Marie Zurhorst schreibt in ihrem provokanten, aber sehr wertvollen Buch „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“: „Während wir versuchen, unser Glück in der Beziehung zu einem anderen Menschen zu finden, suchen wir eigentlich nach Ausgleich und Harmonie in unserem Inneren.“ Deshalb gib' dich nicht der Illusion hin, in der Beziehung mit einem anderen Menschen vollkommenes Glück finden zu können. Wenn du Veränderung suchst, dann suche sie in dir selbst.

Der eigenen Beziehung eine Chance geben

Zurück zur „Gretchenfrage“: Würde Sex mit dem anderen wirklich so viel ändern? Es würde sich vielleicht im Augenblick gut anfühlen. Aber würdest du dadurch das bekommen, wonach du dich sehnst? Denn das, was ich an dem anderen attraktiv finde, bleibt seines und geht nicht automatisch auf mich über. Überlege stattdessen, wie du der Sehnsucht, die der andere Mensch in der weckt, Raum geben kannst, ohne dafür fremdgehen zu müssen. Welche Veränderungen in bei dir selbst und in deiner Beziehung wären dafür nötig?
Fremdverlieben ist eine große Chance für dich und deine Beziehung: Trau' dich, ehrlich zu sein und sprich mit deinem Partner über deine Wünsche und Sehnsüchte. Frage auch ihn wonach er sich sehnt. Womöglich geht es ihm ganz ähnlich wie dir. Gönnt euch eine gemeinsame Auszeit, ohne Kinder, an einem Ort, mit dem ihr positive Erinnerungen verbindet. Genießt einander und entdeckt, dass ihr nicht nur Mutter und Vater seid. Lasst eure Liebe wachsen!

Melanie Schüer

Autorin

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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