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Dein Kind im zweiten Lebensjahr - ein Überblick

Das anstrengende erste Jahr ist geschafft und aus dem niedlichen Baby wird ein entzückendes Kleinkind, das die Welt erobern möchte. Auch dein Elternleben wird dadurch wieder mobiler.
Der folgende Überblick soll dir helfen, die Entwicklung deines Kindes besser einzuschätzen. Dennoch entwickelt sich jedes Kind individuell. Sollte dein Kind in einem der Bereiche etwas länger brauchen, muss das kein Anlass zur Sorge sein. Wenn du jedoch das Gefühl hast, dass dein Kind sich in einem Bereich kaum oder nur sehr langsam entwickelt ist es gut, dies mit deinem Kinderarzt abzuklären. 

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Zweites Lebensjahr: Vater und Kleinkind laufen nebeneinander

Körperliche Entwicklung

Früher oder später kann dein Kind frei gehen. Manche tun das eher wacklig und mit vielen „Umfallern“ schon beim ersten Geburtstag. Andere Kinder krabbeln lieber ausgiebig und lange, gehen deutlich später in die Senkrechte – dann aber gleich recht sicher. Bis zum 16. Monat kann diese Entwicklung dauern. Dränge dein Kind nicht, wenn es lieber krabbelt. Besser ist es, wenn es Gleichaltrige erlebt, die bereits laufen – das spornt an.
Dein Kind wächst: bis zum Ende des zweiten Lebensjahres braucht es Kleidergröße 86 bis 92, denn es ist zwischen 86 und 97 cm groß und zwischen 10 und 14 Kilo schwer. Mit dem Laufen lernen fällt auch der erste Schuhkauf an: Größe 24 ist ein guter Richtwert, der jedoch beim Kauf überprüft werden muss. Lass dich entsprechend beraten.
Auch das Kauen – und damit das Essen allgemein - fällt jetzt leichter, denn dein Kind hat bis zum Ende des zweiten Lebensjahres fast alle Milchzähne – nur die Backenzähne lassen sich noch bis spät ins dritte Lebensjahr zeit.

Motorische Entwicklung

Das Gehen ist die auffälligste Entwicklung. Mit der Zeit funktioniert es immer besser: vorwärts, rückwärts und auch auf der Treppe. Manche Kinder sind sehr vorsichtig und brauchen lediglich den zarten Ansporn ihrer Eltern, andere sind neugierig und neigen zu leichtsinnigen Aktionen. Dann ist die Aufmerksamkeit der Eltern besonders außer Haus oder auf fremdem Terrain gefragt. Bitte auch an Treppengitter & Co. denken. Bewegung im Freien macht jetzt besonders viel Spaß: am Anfang wird das Gehen geübt, indem ein kleines Spielzeugtier gezogen wird. Später kommen ein Bobbycar und ein Laufrad dazu. Aber Kinderfahrrad und Ähnliches müssen noch warten!

Auch die Feinmotorik entwickelt sich: mit etwa 12 Monaten kann dein Kind Gegenstände auf verschiedene Art greifen – im „Scherengriff“, zwischen gestrecktem Zeigefinger und Daumen, und später im „Pinzettengriff“, zwischen Daumenspitze und Zeigefingerspitze. Es wird immer geschickter, baut gerne und möglichst hoch und packt mit beiden Händen zu. Und wenn etwas vom Tisch fällt, kann es danach greifen und es wieder aufheben.
Beim Essen benutzt dein Kind einen Löffel, hilft aber gerne mit der anderen Hand nach. Messer und Gabel müssen noch warten! Vielleicht bemerkst du es, wenn dein Kind jetzt selbstständig nach seinem Löffel greift: es ist ein Rechtshänder wie die meisten von uns oder Linkshänder! Diese Orientierung ist fest verankert und zeigt, welche Gehirnhälfte dominiert. Umerziehung lohnt nicht, im Gegenteil – sie wäre quasi gegen die Natur und würde die Entwicklung deines Kindes erschweren.

Wahrnehmung und kognitive Entwicklung

Ihr geht wie jeden Tag gemütlich zum Spielplatz, und plötzlich ist es soweit: Dein Kind läuft voraus, kennt genau den Weg. Im zweiten Lebensjahr erkennt Dein Kind nicht nur vertraute Personen, sondern erkennt auch Orte wieder. Erinnerung und Gedächtnis kommen ins Spiel. Ein wichtiger weiterer Schritt Richtung Autonomie! Zum Wahrnehmen der Umgebung gehört jetzt auch das selbständigere Spielen: erste Rollenspiele, aber auch Puzzles und farblich sortierte Steckspiele werden zunehmend interessant. Dein Kind „be-greift“ seine Umgebung, will alles mitmachen, wahrnehmen, anfassen. Jedes Blümchen unterwegs, aber auch den Inhalt des Papierkorbs zuhause. Für die Eltern eine anstrengende Zeit. Aber das Schöne daran: Ihr könnt die Entwicklungsfortschritte Eures Kindes täglich sehen und bestaunen.

Sprachentwicklung

Die meisten Babys sprechen mit etwa einem Jahr schon die ersten Worte. Zu „Mama“ kommen auch „Papa“ oder „wauwau“ und ähnliche „Babywörter“ hinzu.
Dein Kind lernt das Sprechen indem es sehr aufmerksam Dir oder anderen Personen zuhört und das nachahmt, was es hört. Vorlesen, erzählen, auf Dinge beim Spaziergehen oder beim Einkaufen zeigen – all das fördert die Sprachentwicklung Deines Kindes. Es wird mit der Zeit neue Wörter erfinden. So verführerisch es sein mag: bitte verfalle nicht in „Babysprech“, sondern benutze die korrekten Begriffe.
Vielleicht kennst Du das vom Lernen einer Fremdsprache: man versteht viel, kann aber selbst nur wenige Wörter sprechen. Bei Kleinkindern ist es nicht anders: auch wenn sie vielleicht nur zehn Wörter aktiv und gut verpackt in Einwort-Sätzen sprechen können, kann es sein, dass sie bis zu hundert Wörtern verstehen. Du merkst das, wenn Du das beliebte „wo ist?“-Spiel machst: wo ist der Ball? Wird mit einem strahlenden „da“ und dem darauf Zeigen beantwortet. Und natürlich lobst Du kräftig, was Dein Kind weiter motiviert.  Das „wo ist“ wird gefolgt vom „was ist“, wobei nicht nur Du nach Begriffen fragst, sondern auch Dein Kind neugierig wissen will, wie ein Tier oder ein Gegenstand heißt. Das erste Frage-Alter hat begonnen und dauert an.

Soziale Entwicklung

Kinder brauchen andere Kinder, um sich zu entwickeln.  Schon Zweijährige beobachten, was andere tun, wie sie sich verhalten, wie es ihnen geht. Spielplätze sind wunderbare Orte, an denen Du dies beobachten kannst. Du siehst im Miniaturformat das ganze Leben: Kinder, die sich ohne Worte und auf Anhieb verstehen, andere, die sich um die Schaukel oder um ein Spielzeug streiten und wieder andere, die ihre Apfelstücke mit anderen teilen wollen. Das Erlebte will verarbeitet werden: beim Betrachten von Bilderbüchern, beim Spielen mit der ersten Puppe oder dem Teddy oder dem abendlichen „ins Bett bring-Gespräch“. Nimm Dir Zeit und achte darauf, was Dein Kind Dir erzählen möchte, wenn es z.B. Zeiten getrennt von Dir in der Krippe oder bei Freunden verbringt.
Wichtig für das Selbstbewusstsein ist die Abgrenzung: Dein Kind will jetzt viel alleine machen, sich z.B. beim Schuhe anziehen nicht helfen lassen oder beim Essen nicht mehr gefüttert werden. Ein wichtiger Entwicklungsschritt, auch wenn er von Dir viel Geduld fordert. Tausche Dich mit Deinem Partner/Deiner Partnerin, aber auch mit anderen Bezugspersonen darüber aus, wie Ihr mit Eurem Kind in dieser Phase umgehen wollt, um nicht gegensätzliche Botschaften zu vermitteln. Wir empfehlen, dem Leitspruch der berühmten Maria Montessori zu folgen, die mit ihren pädagogischen Konzepten Anfang des 20. Jahrhunderts das Lernen neu erfunden hat. Er ist einfach zu merken und nicht so einfach umzusetzen: „Hilf mir, es selbst zu tun“!

Emotionale Entwicklung

Im Kontakt mit anderen zeigt sich jetzt der bereits von Geburt an festgelegte Charakter Deines Kindes. Eine spannende Zeit. Du merkst schnell, ob Dein Kind eher aufbrausend und fordernd reagiert oder geduldig und gelassen. Ob es Ordnung oder Chaos liebt. Ob es wahrnimmt, wie es anderen geht oder eher uninteressiert an ihnen ist. Auch ob es die Gesellschaft sucht oder lieber alleine vor sich hin spielt, ob es schnell auf Fremde zugeht, oder erst einmal abwartend beobachtet, wer es gerade anspricht. Wichtig für Dich: akzeptiere Dein Kind, so wie es ist und unterstütze es behutsam in der Entwicklung der weniger starken Fähigkeiten.  Jeder Persönlichkeitstyp hat Vor- und Nachteile. Vergleiche mit anderen Kindern helfen nicht weiter. Ein Rabauke verwandelt sich nicht durch gutes Zureden in einen sensiblen Träumer – und umgekehrt. Vielmehr kann Dein Kind im sozialen Kontakt lernen wie bunt die Welt mit ihren Menschen ist und was Toleranz heißt. Du bist sein Vorbild dafür. Wenn Du Dein Kind annimmst, wird es sich selbst auch akzeptieren und Selbstbewusstsein entwickeln – die Grundlage für eine positive soziale und emotionale Entwicklung.

Autorin

Dieser Artikel wurde von Rose Volz-Schmidt verfasst. 
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