Eltern leben
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Wenn Geschwister streiten...

...bedeutet das eine ziemliche Belastungsprobe für die Eltern! Besonders dann, wenn der Streit schon zur Tagesordnung gehört. Wie können Eltern am besten damit umgehen, wenn Geschwister sich ständig zoffen?

Zwei kleine Kinder im Freien diskutieren

Eskalationen verhindern

Bei kleineren Zickereien müssen Eltern nicht sofort intervenieren. Du solltest aufmerksam zuhören, um einschätzen zu können, ob ein Kind das andere manipuliert oder unter Druck setzt oder ob aus anderen Gründen ein Eingreifen nötig ist. Oft kann man aber erstmal abwarten und den Kindern die Gelegenheit geben, selbst eine Lösung zu finden.

Wenn Kinder sich heftig anbrüllen oder gar weh tun, liegt es natürlich in der Verantwortung der Eltern, Schlimmeres zu vermeiden. Dabei sollte man Schuldzuweisungen vermeiden, sondern zunächst ganz sachlich und wohlwollend eingreifen: „Hört mal, ich weiß nicht, was genau los ist, aber so geht das nicht! Bitte geht erst einmal auseinander und beruhigt euch ein wenig.“ Je nach Alter der Kinder kann man beide bitten, sich für ein paar Minuten räumlich zu trennen. Dabei sollte aber kein Kind das Gefühl bekommen, „weggeschickt“ zu werden. Es kann auch reichen, dass ein Kind sich auf's Sofa setzt und das andere in die Küche oder Ähnliches – dabei geht es nicht um Bestrafung, sondern um ein paar Minuten Abstand und die Chance, sich abzuregen.
Wenn beide Kinder noch sehr klein sind, kann diese räumliche Trennung schwierig sein. Dann können Eltern oft nur präsent sein, die Streithähne davon abhalten, einander zu verletzen und jedes Kind mit je einem Arm umarmen oder jedem je eine Hand geben und auffordern: „Jetzt sind wir mal alle kurz ruhig und atmen tief ein und aus!“ Wenn Körperkontakt gerade nicht geht, kann es auch reichen, sich zwischen die Kinder zu stellen oder zu setzen.
Vielleicht kommt man sich anfangs seltsam vor, aber es ist oft sehr hilfreich, wenn man den Kindern, auch kleineren, dann tatsächlich ein paar ruhige, tiefe Atemzüge vorführt. So zeigt man ihnen eine ganz konkrete Art, wie man sich selbst beruhigen kann.

Ist Eifersucht der Auslöser für den Streit?

Beide Kinder sollten die Chance bekommen, zu erklären, was aus ihrer Sicht passiert ist. Dabei sollte es weniger um „Schuld“ gehen, sondern mehr darum, zu verstehen, welche Bedürfnisse die Beteiligten hatten und, wie der Streit entstanden ist. Die Anliegen und Gefühle beider Kinder sollten ernst genommen werden und dann gilt es, gemeinsam nach einem Kompromiss bzw. einer Lösung zu suchen.
Wichtig ist, bei häufigen Streitereien nicht immer nur auf die einzelnen Situationen zu reagieren, sondern zu überlegen, welches tiefer liegende Problem hinter den Konflikten stehen könnte:
Oft ist Streit ein Ausdruck von Geschwister-Rivalität – die Kinder haben den Eindruck, miteinander um die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Eltern konkurrieren zu müssen. Oder das ältere Geschwisterkind hat den Eindruck, ständig zu kurz zu kommen, weil der kleine Bruder oder die kleine Schwester so viel Aufmerksamkeit braucht. Besonders wenn das ältere Geschwisterkind jünger als drei bis vier Jahre ist, wenn ein weiteres Baby geboren wird, ist Eifersucht ein sehr häufiges Problem. Das bedeutet keineswegs, dass das ältere Kind egoistisch wäre. Nein, es ist völlig normal, dass Familienzuwachs Verlustängste auslöst. Denn tatsächlich haben ja die Eltern auf einmal weniger Zeit und die Zuwendung von Mama und Papa muss plötzlich geteilt werden. Gerade Kleinkinder haben noch ein großes Nähebedürfnis und wenn dann ständig ein Säugling Mamas oder Papas Arm bedeckt, bedeutet das eine große Belastung und es kann schnell die Sorge entstehen, nicht mehr so geliebt zu werden wie vor der Geburt des Geschwisterchens. Dass sich daraus eine Ablehnung gegen den Bruder oder die Schwester entwickeln kann, liegt nahe – und ist gar nicht böse gemeint, sondern einfach ein Ausdruck der Angst, seinen Platz in der Familie zu verlieren.

Geschwisterrivalität - exklusive Zeit mit jedem Kind hilft

Deshalb ist es ganz wichtig, dass Eltern darauf achten, regelmäßig Zeiten einzurichten, in denen sie mal nur für das eine Kind da sind. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass der Papa jeden Tag für zwanzig bis dreißig Minuten das Baby nimmt, in denen die Mama sich ganz bewusst ihrem älteren Kind zuwendet. Und ab und zu gibt es dann auch mal größere Unternehmungen wie einen Ausflug, den nur Mama oder nur Papa und das ältere Kind gemeinsam unternehmen.
Auch wenn die Kinder älter sind, ist es sehr hilfreich, wenn die Eltern ab und zu ganz exklusive Zeit mit jedem Kind allein verbringen und darauf achten, beiden Kindern Anerkennung und Ermutigung zu geben. Manchmal ist ein Kind besonders erfolgreich in der Schule oder in seinem Hobby und das andere hat das Gefühl, immer ein wenig in seinem Schatten zu stehen. Dann sollten die Eltern besonders darauf achten, auch die Stärken des Geschwisterkindes zu betonen und ihm Wertschätzung zukommen zu lassen. Ein tolles Buch zum Thema „Eifersucht unter Geschwistern“: Sam McBratney: „Wen hast du am allerliebsten?“ Mit Kindern ab ca. vier bis fünf Jahren kann man sich regelmäßig in einem Familienrat zusammensetzen und Probleme im Umgang miteinander klären sowie Regeln für das Verhalten im Familienalltag gemeinsam festlegen.  Ein gutes Buch für Kinder ab ca. drei Jahren: „Die kleinen Streithammel“ von Bärbel Spathelf und Susanne Szesny.

Natürlich können auch andere Ursachen als Eifersucht eine Rolle spielen. Man sollte als Eltern versuchen, herauszufinden, ob die Kinder gerade zum Beispiel durch die Kita oder die Schule gestresst sind oder, ob etwas im Tagesablauf geändert werden muss. Beispielsweise können Schlafmangel oder ein zu hoher Fernseh- bzw. Medienkonsum dazu führen, dass Kinder überreizt sind, wodurch dann auch schneller Streit entsteht.

Gefühle regulieren ist eine Kunst

Wichtig ist auch das Wissen, dass Kinder ihre Gefühle noch nicht so gut im Griff haben wie Eltern. Sie handeln oft sehr impulsiv und es fällt ihnen schwer, nicht laut oder aggressiv zu werden, wenn sie wütend sind. Es ist für Kinder gar nicht so einfach, zu lernen, ihren Ärger konstruktiv zu äußern und nicht gleich in die Luft zu gehen. Selbst Jugendlichen fällt das noch deutlich schwerer als Erwachsenen. Das ist kein böser Wille, sondern ganz normal!
Deshalb sollten Eltern ihren Kindern Verständnis und Unterstützung entgegenbringen: „Ich weiß, es ist nicht einfach, wenn man wütend wird. Man muss erst lernen, dann nicht immer gleich auszuflippen! Aber man kann das üben und nach und nach klappt es dann immer besser. Lass' uns doch mal überlegen, was du machen kannst, wenn du wütend wirst ...“ Diese Alternativen kann man dann gemeinsam aufschreiben und aufmalen, z.B.:

  • in ein Kissen schlagen
  • innerlich bis zehn zählen
  • drei Mal tief durchatmen
  • aus dem Zimmer gehen (z.B. auf die Toillete) und kurz ganz schnell auf der Stelle rennen 
  • einen Zettel zerfetzen
  • die Wut auf ein Papier kritzeln

Buchtipp zu diesem Thema: „Wohin mit meiner Wut?“ von Dagmar Geissler.

Empathie statt erzwungenen Entschuldigungen

„Entschuldige dich bitte bei deiner Schwester!“ - so ein Satz geht uns Eltern schnell über die Lippen. Doch wie viel ist eine erzwungene Entschuldigung wirklich wert? Besser ist es, in Ruhe mit jedem Kind einzeln über die Situation zu sprechen, seine Gefühle ernst zu nehmen und, ohne Vorwürfe, zu überlegen, wie sich wohl das Geschwisterkind gefühlt haben mag. Indem man selbst mitfühlend reagiert, lebt man dem Kind vor, wie man sich in andere hineinversetzt. Wenn dann echte Einsicht da ist, kann man immer noch eine Entschuldigung vorschlagen.
A propos Vorbild: Es lohnt sich auch, das eigene Konfliktverhalten mal unter die Lupe zu nehmen. Wenn Eltern viel schreien, nehmen Kinder diese aggressive Stimmung oft auf und schreien auch oder werden handgreiflich. Oder ist es vielleicht anders – du schluckst Ärger oft herunter und vermeidest Konflikte, obwohl da ziemlich viel Frust in dir schlummert? Kinder sind sehr feinfühlig und können auch darauf reagieren, weil sie spüren, das unterschwellig „Ärger in der Luft liegt“.

Positive Erlebnisse schaffen

Sinnvoll ist es auch, die Geschwisterbeziehung durch positive Erfahrungen zu stärken. So kann man Ausflüge planen, in denen die Geschwister gemeinsam eine Aufgabe übernehmen. Oder Spiele spielen, bei denen die Geschwister in einem Team sind (je nach Alter auch mal gewinnen lassen …). Man kann ein „Spiel“ vorschlagen, bei denen man mit jedem Kind eine „Komplimente-Karte“ schreibt, auf der es notiert, was es an seinem Geschwisterkind mag. Schön ist es auch, gemeinsam ein Fotobuch oder einen Fotokalender mit Familienerinnerungen zu basteln oder in Fotoalben, die man bereits hat, zu blättern. Wenn ein Kind Geburtstag hat, kann man den Geschwisterkindern einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellen (z.B. 10-20 Euro), für den sie eine Überraschung für das Geburtstagskind aussuchen dürfen.

Kein falscher Stolz - der Blick von außen hilft!

Eltern sollten nicht zu stolz sein, auch mal Hilfe von außen anzunehmen, wenn sie selbst nicht weiterwissen. Eine Familienberatungsstelle aufzusuchen ist oft ein ganz wichtiger Schritt, weil eine neutrale Person die Konflikte aus einer ganz anderen Perspektive beleuchten kann. Man selbst ist so   eng in das Geschehen verwickelt, dass man oft den „Wald vor lauter Bäumen“ nicht sieht.

Die >>kostenlose Online-Beratung von ElternLeben.de kann ein erster Schritt sein!
Anlaufstellen für kostenlose Familienberatung oder auch Paarberatung vor Ort findest du unter www.dajeb.de

Der Umgang mit Geschwisterstreit kostet extrem viele Nerven – aber die Mühe lohnt sich! Denn nicht selten haben Geschwister, die früher viel gestritten haben, später dann doch eine sehr wertvolle, innige Beziehung zueinander.

Melanie Schüer

Autorin-Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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