Interview

Interview Dr. Alexandra Widmer: „Alleinerziehende müssen auch gut für sich sorgen“

Mehr als 1,6 Millionen Alleinerziehende gibt es Deutschland – weit über 100.000 Paare mit Kindern trennen sich jedes Jahr.  Und nicht alle werden von der offiziellen Statistik erfasst, denn Eltern ohne Trauschein oder ohne offizielle Scheidung fallen aus der Statistik.
Auch Dr. Alexandra Widmer lebt seit über fünf Jahren allein mit ihren Töchtern, die heute sechs und acht Jahre alt sind. Nach der Trennung suchte die Psychotherapeutin selbst nach Hilfe. 

Interview
Alleinerziehende Mutter mit Kind am See

ElternLeben: Als Sie sich damals trennten, war es schwierig Unterstützung zu bekommen – was half Ihnen?

Dr. Alexandra Widmer: Ich habe damals nach passenden Selbsthilfegruppen und nach Unterstützung gesucht. Sehr geholfen hat mir wellcome, als meine Töchter noch klein waren. Ich habe daher schon früh gemerkt, dass es wichtig für mich ist, Hilfe annehmen zu können. Aber für Single-Eltern gibt es viel zu wenig Angebote. Vor allem kaum welche, die mit der wenigen Zeit auch wirklich wahr genommen werden können. Vor allem fragte ich mich: Warum gibt es so wenig Anlaufstellen, die die Eltern stärken. Und weil es das nicht gab, habe ich dann selbst ein Projekt ins Leben gerufen.  „Stark und Alleinerziehend“ war zunächst eine Website, dann ein Podcast. Mittlerweile habe ich auch ein Buch veröffentlicht und biete auch Beratung für Mütter und Väter an.

Warum ist das Projekt so erfolgreich?

Wahrscheinlich, weil es eben vielen Alleinerziehenden so geht wie mir damals. Sie suchen Antworten nach Fragen, wie sie mit ihrer Wut und Trauer umgehen sollen. Sind auf der Suche nach Vorbildern und kämpfen täglich um ihre Existenz, um die Kinder und mit vielen, sehr vielen Alltagsbelastungen. Sie funktionieren irgendwie und sind dabei ganz auf sich allein gestellt.
Es gibt laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts ein signifikant höheres Risiko von Alleinerziehenden an Depressionen zu erkranken. Und das bedeutet, dass es auch ihren Kindern schlechter geht. Für mich war genau das ein wichtiger Grund, mit meinen persönlichen Erfahrungen und meinem Fachwissen andere Alleinerziehende zu unterstützen. Sie zu stärken und ihnen Vorbilder anzubieten.

Was ist das Wichtigste, was Eltern nach einer Trennung tun können?

Nach dem Scheitern einer Beziehung stehen fast alle vor den Trümmern vieler Träume. Dem Traum von einer Ehe, einem Bild von Familie. Und sie zweifeln sehr viel an sich – ganz egal, wer eigentlich derjenige ist, der letztlich die Trennung auslöste. Viele Grundsätze müssen neu bedacht werden, etwa eben das Familienbild. Denn zu einer glückliche Familie müssen nicht unbedingt Vater, Mutter und Kind gehören.  Außerdem ist es wichtig, wieder zu sich selbst zu finden. Selbstfürsorge ist ein ganz wichtiges Thema und sich Hilfe zu holen. Und das muss man schon selbst machen. Ich sage darum auch immer, du musst selbst deine beste Freundin werden und dich selbst loben. Und jeden Tag stolz auf das sein, was du geleistet hast.

Was genau gehört denn zu einer glücklichen Familie?

Bei der kommt es gar nicht auf den Beziehungsstatus der Eltern an. Für mich ist Familie da, wo Kinder leben. Und ein Kind kann darum auch mit seiner Mutter und seinem Vater glücklich sein, auch wenn diese nicht mehr ein Paar sind. Glückliche Eltern betreiben Selbstfürsorge. Und genau darum sage ich auch immer – Nur wenn es der Mutter gut geht, geht des dem Kind gut.

Aber ist das für Alleinerziehende nicht besonders schwer? Die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahr zunehmen?

Nur wenn es mir gut geht, geht es meinem Kind gut – daran müssen Eltern generell erinnert werden. Oft sind es vor allem Mütter, die irgendwie funktionieren und dann irgendwann in der Erschöpfung landen. An sich und an die eigenen Bedürfnisse zu denken ist nicht egoistisch, sondern kann sogar überlebenswichtig sein. Im Flugzeug müssen Eltern ja auch erst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen und können dann ihrem Kind helfen. Nur ist die Situation von Alleinerziehenden ja kein Unglück – und sie dauert lange an. Da brauchen Mütter und Väter eben einen langen Atem und viel Kraft. Wer seine eigenen Bedürfnisse kennt, kann auch Krisen erkennen und rechtzeitig handeln.

Was sind Chancen des neuen Lebens als Alleinerziehende?

Eine gut funktionierende Beziehung bricht selten auseinander und oft ist auch viel Unglück da. Eine Trennung kann als Katastrophe oder als Chance für einen Neustart gesehen werden. Ein neuer Lebensabschnitt fängt an und zeigt oft auch ganz neue Fähigkeiten, die man an sich selbst gar nicht kannte.

Welchen Rat haben Sie für die erste Zeit der Trennnung?

Seid mutig! Sagt offen, wenn ihr nicht mehr könnt und seid so mutig, dass ihr für euch und euer Kind Unterstützung sucht. Ihr müsst das nicht alleine schaffen.

Sieben Kraft-Tipps für Alleinerziehende von Dr. Alexandra Widmer

1
Denke auch an dich, denn deine Gesundheit ist wichtig!
2
Es zeigt Stärke, um Hilfe zu bitten. Hole dir jede verfügbare professionelle Hilfe.
3
Erlaube dir deine Gefühle, nimm sie ernst und lerne einen guten Umgang mit ihnen.
4
Lobe dich täglich! Denn sonst tut das keiner. Du bist eine tolle Mutter und eine tolle Frau. Du kannst auf dich und deine Kinder stolz sein.
5
Jetzt ist dein Leben - bleibe nicht in der Vergangenheit hängen oder blicke mit Sorge in die Zukunft. Du kannst nur im Jetzt etwas ändern. Dabei kann dir dein Kind helfen, denn es zwingt dich liebevoll im Hier präsent zu sein.
6
Lasse alte Bilder los – Vater, Mutter, Kind ist nicht immer das einzig Wahre und Beste. Familie ist da, wo Kinder sind und Liebe ist.
7
Suche dir ein Netzwerk – andere Alleinerziehende, Freunde und Bekannte können dir jetzt helfen. Du brauchst Verständnis und Austausch.
Alexandra Widmer

Dr. Alexandra Widmer ist Fachärztin für Neurologie und ärztliche Psychotherapie. Sie ist selbst alleinerziehende Mutter zweier Töchter in Hamburg und hat 2014 das Projekt Stark und Alleinerziehend“ (www.starkundalleinerziehend.de) gegründet und das Buch, „Stark und alleinerziehend. Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst“ im Kösel Verlag veröffentlicht.