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Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmt erleben

Schwangerschaft ist (k)eine Krankheit!? Ein bekannter Satz, der jedoch in der Realität manchmal gar nicht so leicht durchzusetzen ist. Und das vom ersten Augenblick an:
Wenn Frauen vermuten, schwanger zu sein führt oft der erste Weg in eine gynäkologische Praxis. Das ist gut, um sicher zu sein und abzuklären, ob alles in Ordnung ist. Denn wenn Komplikationen vorliegen, ist unsere Medizin wirklich Gold wert.

Schwangere blickt aus dem Fenster

Wie sinnvoll sind Vorsorgeuntersuchungen?

Manchmal allerdings übertreibt es die moderne Medizin – zum Beispiel in der Vorsorge gesunder Schwangerer. Nicht wenige GynäkologInnen machen bei fast jeder Vorsorgeuntersuchungen einen Ultraschall – obwohl eigentlich, wenn alles gut verläuft, nur drei vorgesehen sind. Die meisten Eltern genießen dieses „Baby-Fernsehen“ - ohne aber zu wissen, dass es inzwischen Hinweise darauf gibt, dass häufiger Ultraschall dem kindlichen Gehirn schaden könnte. Gleiches gilt für das CTG, welches auch mit Ultraschallwellen arbeitet: Im Grunde ist dieses bei einer komplikationslosen Schwangerschaften erst ab dem errechneten Termin vorgesehen, wird aber häufig schon deutlich vorher routinemäßig genutzt. Ob die Kleinen die Untersuchung auch mitbekommen, ist noch nicht abschließend geklärt – es wird aber vermutet, dass die Ultraschallwellen unangenehm laut sein könnten. Einige werdende Mütter können sogar feststellen, dass ihr Baby sich gegen die Untersuchung wehrt, indem es sich immer wieder vom CTG-Knopf weggdreht oder auf dem Ultraschall möglicherweise die Ohren zuhält oder sich versteckt (das sieht oft aus wie ein fröhliches „Winken“).
Wenn deine Ärztin auch sehr „technikaffin“ ist, kannst du ja mal mit ihr besprechen, ob die vielen Ultraschalle unbedingt nötig sind. Und erkundige dich doch mal nach einer Hebamme – Hebammen können nämlich die Vorsorge ebenso machen wie eine Ärztin. Viele Frauen gehen nur für die drei Ultraschalluntersuchungen oder bei Komplikationen zur Gynäkologin und nehmen die restlichen Vorsorgetermine bei einer Hebamme wahr. Hebammen kennen sich oft besser mit natürlichen, sanften Methoden aus als die ärztlichen KollegInnen. Unser Tipp: Kümmere dich frühzeitig um eine Hebamme, damit du noch die Wahl hast! Denn wenn die Chemie nicht stimmt, darfst  du problemlos auch noch eine zweite oder dritte Hebamme kennenlernen.

Pränataldiagnostik - will ich da wirklich?

A propos Untersuchungen: Schwangere werden früher oder später mit der Frage nach Pränataldiagnostik konfrontiert. Diese Untersuchungen helfen, frühzeitig herauszufinden, wie hoch das Risiko für Erkrankungen oder Behinderungen beim Neugeborenen ist. „Will ich das wirklich wissen?“, fragen sich viele Schwangere – zu Recht. Denn nur in wenigen Fällen kann schon während der Schwangerschaft etwas unternommen werden. Meist stehen die Frauen, wenn schwerwiegende Auffälligkeiten entdeckt wurden, eher vor der Frage: Abtreibung, ja oder nein? Diese Frage ist unheimlich schwierig und kann dir niemand abnehmen. Was du bedenken solltest ist, dass auch immer wieder falsche Diagnosen gestellt werden – es kann dir also niemand mit Gewissheit sagen, ob das Baby nicht doch gesund ist. Davon abgesehen ist eine Abtreibung für die meisten Frauen sehr belastend und nicht einfach zu verarbeiten. Ein Leben mit einem schwer behinderten Kind ist aber natürlich auch eine große Belastung. Überlege dir gut, ob du das Ergebnis wirklich wissen willst und, welche Folgen eine negative Diagnose hätte. 

Beratungsstellen und Hebammen helfen

Die meisten Schwangerschaftsberatungsstellen bieten auch Beratung zu diesem Thema an. Unter www.dajeb.de, „Beratungsführer“ kannst du nach Schwangerenberatung in deiner Nähe suchen.
Vielleicht gibt es in deiner Nähe auch Beleghebammen, die dich bei der Geburt begleiten? Eine gute Alternative ist eine Doula – eine Geburtsbegleiterin, die du schon in der Schwangerschaft kennen lernst und nicht für medizinische Fragen zuständig ist, sondern dich emotional unterstützt. Mit ihr kannst du deine Wünsche und Ängste genau besprechen und sie kann dir Tipps zur Bewältigung der Wehen geben.

Wenn sich das Baby "verspätet"

Auch zum Ende der Schwangerschaft ist Selbstbestimmung ein wichtiges Thema – und muss häufig erkämpft werden. Wenn der Geburtstermin verstrichen ist, raten manche Ärzte Schwangeren sehr schnell zu einer Einleitung, obwohl es noch keine Anzeichen dafür gibt, dass es dem Baby nicht mehr gut geht. Dabei wird oft verharmlost, dass viele Frauen die Wehen nach einer Einleitung als deutlich schmerzhafter erleben als natürlich einsetzende Wehen. Und es wird verdrängt, dass der Geburtstermin eben nur ein rechnerischer Termin ist, an den sich nur die allerwenigsten Babys halten. Vielleicht braucht das Baby einfach noch ein wenig Zeit im Bauch … höre auf dein Baby und dein Bauchgefühl, ob es wirklich nötig ist, das Ende der Schwangerschaft zu erzwingen oder, ob du noch ein wenig warten kannst, bis dein Baby sich selbst auf den Weg macht. Frage Ärzte und Hebammen, ob die Einleitung wirklich nötig ist bzw. ob es gefährlich wäre, noch zu warten. Wenn keine echten Komplikationen vorliegen, ist es in der Regel völlig problemlos, mindestens 14 Tage abzuwarten.

Geburtsvorbereitung - warum sie so wichtig ist

Und wenn es dann endlich losgeht? Auch dann zählt, was du willst! Informiere dich schon während der Schwangerschaft über verschiedene Arten der Entbindung. Hausgeburten oder Entbindungen im Geburtshaus sind statistisch genauso sicher wie in der Klinik. Entscheidend ist, wo du dich wohler fühlst. Bitte um ein Kennenlerngespräch, in dem du deine Fragen stellen und die Räumlichkeiten sehen kannst. Sprich mit dem Personal über deine Wünsche und frage, wie hoch der Anteil der Kaiserschnitte und Zangen- bzw. Saugglockengeburten in der Klinik ist. Wenn die Kaiserschnittrate über 30% liegt, ist das ein schlechtes Zeichen – je mehr natürliche Geburten, desto besser! Frage auch nach Routinemaßnahmen wie Einläufen oder Oxytocin-Spritzen nach der Geburt  sowie Augentropfen beim Baby und erfrage, ob du darauf auch verzichten kannst, wenn sie medizinisch nicht notwendig sind. Das Abnabeln wird ebenfalls unterschiedlich gehandhabt. In vielen Kliniken wird die Nabelschnur sehr schnell durchtrennt, obwohl das Auspulsieren als sehr gesund gilt, weil das Baby so noch mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt wird. Viele Kliniken sind aber bereit, sich dabei auf die Wünsche der Patientinnen einzustellen – man muss diese aber klar benennen.
Lass' dir auch nicht vorschnell einen Wehentropf aufdrängen- wenn es mal nicht vorangeht. Vielleicht brauchst du gerade etwas Bewegung oder eine andere Position, um die Wehen wieder in Schwung zu bringen. Es ist nicht unnormal, dass es während einer Geburt mal Pausen gibt.

Wie kann ich Schmerzen während der Geburt bewältigen?

Ob du Schmerzmittel nutzen willst, liegt ebenfalls ganz bei dir. Die PDA kann ein echter Segen sein, hat aber auch potenzielle Risiken und Nebenwirkungen. Es geht hier nicht um Heldentum, sondern einfach darum, auf deinen Körper zu hören. Oft werden die Schmerzen schlimm, wenn wir uns innerlich gegen das, was da gerade passiert, wehren. Versuche, „Ja“ zu sagen, mit dem Wissen: Mein Körper macht genau das Richtige. Jede Wehe bringt mein Kind näher zu mir. Sage dir selbst, dass eine Wehe etwa 10 Atemzüge dauert und zähle die Atemzüge, während du tief in den Bauch ein- und bewusst wieder ausatmest. Genieße die Pausen zwischen den Wehen, tanke Kraft – und halte dir immer wieder vor Augen: Es geht vorbei! Und wenn du trotzdem merkst, dass du medizinische Hilfe brauchst, dann bedeutet das nicht, dass du damit die Zügel aus der Hand gibst. Die PDA kann so dosiert werden, dass du dich weiter bewegen kannst. Und erkundige dich doch im Vorfeld auch nach anderen Methoden wie Lachgas, denn das kannst du selbst dosieren. 

Lass dich begleiten!

Entscheidend ist, dass du entscheidest! Da eine Geburt aber ein Ausnahmezustand ist, der dir vor allem beim ersten Kind dazu noch völlig fremd hist, hilft es, wenn dich eine vertraute Person begleitet und in deinem Sinn Entscheidungen trifft, solltest du dich selbst zu schwach dafür fühlen. Das Klinikpersonal hat z.B. nicht das Recht, einfach über deinen Kopf hinweg Untersuchungen oder Eingriffe vorzunehmen. Es ist wichtig, dass du das weißt und möglichst auch dein Partner oder andere Geburtsbegleiter, damit sie darauf achten können, dass du stets einbezogen wirst. Es ist übrigens gut, wichtige Punkte schriftlich in einem Geburtsplan festzuhalten (Was will ich auf keinen Fall? Was wünsche ich mir?) und diesen in die Klinik mitzubringen (und am besten auch zusätzlich schon vorher abzugeben). Wichtig ist, dass dein Partner diesen Plan kennt und, wenn nötig, verteidigt. Natürlich muss man flexibel bleiben, denn eine Geburt läuft nie nach Plan und manchmal kann etwas nötig werden, das eigentlich nicht geplant war. Trotzdem ist es gut, wichtige Wünsche festzuhalten – und dann zu schauen, wie sich alles entwickelt. Tipps für das Schreiben eines solchen Plans findest du unter www.mit-kindern-wachsen.de/die-praxis-der-achtsamkeit-der-familie.

Flitterwochen zu dritt

Irgendwann ist es dann geschafft und dein Baby ist da … genieße diesen ersten Kontakt, diese besondere Zeit! Auch hier ist deine Stimme wichtig! Lass' dein Baby nicht einfach zu Untersuchungen den Raum verlassen, wenn keine dringende Notwendigkeit besteht. Wenn doch, sollte möglichst der Partner oder ein anderer vertrauter Mensch mitkommen. Sofern keine Eingriffe nötig sind, sollten Eltern und Kind mindestens die erste Stunde ganz ungestört miteinander verbringen. Ähnliches gilt für das Wochenbett: Lass' nicht zu viel Besuch zu, nur weil andere das vielleicht erwarten. Die ersten drei bis vier Wochen sollten ganz ruhig verlaufen, damit du und dein Kind euch erholen und zueinander finden könnt. Entscheide, welcher Besuch am wichtigsten ist – alle anderen können auch später noch kommen!
Informiere dich hier auf ElternLeben.de über die „Flitterwochen zu dritt“. Wir haben viele hilfreiche Tipps über die ersten gemeinsamen Wochen für dich und deinen Partner zusammengestellt. Du findest sie, wenn du die Elternphase Baby auswählst.

Wenn du weiterführende Fragen hast, stelle sie unseren Expertinnen in der >>Gruppe "Schwangerschaft, Geburt & Babyblues" oder direkt in unserer >>Online-Beratung!

Melanie Schüer

Autorin-Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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