Hat mein Kind eine Essstörung? Anorexie früh erkennen
Johanna Elsen ist selbst eine Betroffene, die viele Jahre unter der Essstörung, Anorexia Nervosa, litt und auch heute noch mit dieser Krankheit zu kämpfen hat. In diesem Interview gibt sie einen sehr persönlichen Einblick und teilt ihre Erfahrungen. Essstörungen entstehen oft ganz leise. Meist beginnen sie mit ersten Zweifeln am eigenen Körper, mit dem Gefühl, nicht richtig zu sein oder nicht zu genügen. Was vielleicht erst wie ein Wunsch nach Veränderung wirkt, kann sich schleichend zu einer belastenden Dynamik entwickeln, die das eigene Denken, Fühlen und den Alltag immer stärker bestimmt. Kinder und Jugendliche kämpfen im Inneren meist mit tiefster Unsicherheit, Selbstzweifeln und Ängsten. Da im Außen oft lange alles zu „funktionieren“ scheint, ist es umso wichtiger dein Kind ernst zu nehmen, ihm zuzuhören ohne zu urteilen. Johanna sagt: „Seht bitte nicht weg und stempelt es nicht als „Phase“ ab. Auch wenn nach außen alles „gut“ aussieht, kann innerlich viel im Ungleichgewicht sein.“ Es gibt Wege, dein Kind zu erreichen und es liebevoll zu unterstützen, du bist nicht allein.
Wann hat deine Essstörung begonnen – und wie hast du diese Zeit erlebt?
Ich habe mich noch nie wirklich wohl in meinem Körper gefühlt und schon mit etwa acht Jahren den Wunsch verspürt, sehr dünn zu sein. Glücklicherweise bin ich diesem Wunsch damals nicht nachgegangen und habe normal gegessen. Obwohl ich ein sportliches Kind war – ich habe Fußball und Tennis gespielt – habe ich immer einen eher kräftigen Körperbau gehabt, der (meiner Wahrnehmung nach) nie dem entsprochen hat, was „gewünscht“ wurde.
Mit Beginn der Pubertät habe ich angefangen, bewusst abzunehmen. In dieser Zeit sind auch die negativen Kommentare zu meinem Körper häufiger geworden und sie haben mich mehr getroffen, als ich mir eingestehen wollte. Ich habe mich oft falsch gefühlt, irgendwie unpassend. Ich habe meinen Wert als Person komplett an meinem Aussehen festgemacht.
Ich bekam Komplimente für jedes verlorene Kilo
Um abzunehmen, habe ich mein Sportpensum erhöht, angefangen, Kalorien zu zählen, bestimmte Lebensmittel vermieden und schließlich ganze Lebensmittelgruppen aus meiner Ernährung gestrichen. Rückblickend war das schon lange keine „Diät“ mehr. Dennoch habe ich diese Zeit anfangs sehr positiv erlebt. Mein Körper hatte genug Reserven, sodass ich trotz Unterernährung leistungsfähig geblieben bin. Ich habe für jedes verlorene Kilo Komplimente bekommen und für mich noch wichtiger: Die abwertenden Kommentare sind weniger geworden. Wenn ich gehungert habe, habe ich mich stark gefühlt. Es hat mir ein Gefühl von Kontrolle gegeben. Ich wollte mir selbst und auch meinem Umfeld beweisen, dass ich mehr bin als die Person, über die sich lustig gemacht wird. Dass ich diszipliniert bin, dass ich stark bin, dass ich „es schaffe“.
Meine Therapeutin hat einmal zu mir gesagt: „Wissen Sie, Frau Elsen, wenn nach außen hin alles funktioniert, macht das auch angreifbar. Denn wenn es nichts gibt, woran man Kritik festmachen kann, wird etwas gesucht – und bei Ihnen war es Ihr Körper.“ Dieser Satz ist mir sehr im Kopf geblieben.
Hier findest du eine erste Anlaufstelle, falls du Unterstützung suchst
- Webseite Essstörungen vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
- Zum Beratungstelefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit:
- Zur den Beratungsstellen für Esstörungen
Irgendwann ist das positive Gefühl gekippt
Das positive Gefühl von Anerkennung hat mein destruktives Verhalten zusätzlich verstärkt. Aber es hat nicht lange angehalten. Irgendwann ist es gekippt. Die körperlichen Symptome sind immer schlimmer geworden, meine Konzentration hat nachgelassen und ich habe mich sozial immer mehr zurückgezogen – vor allem aus Angst vor Situationen, in denen ich hätte essen müssen. Oft habe ich auch keine Kraft für soziale Interaktionen gehabt. Mein Kopf war voller Gedanken rund um Essen, Sport und meinen Körper.
Da war kein Platz mehr für Leichtigkeit oder Spontanität.
Ich habe eine perfekte Fassade lange aufrechterhalten
Innerlich ist es mir immer schlechter gegangen und ich habe mich leer gefühlt, erschöpft und gleichzeitig getrieben. Nach außen hin habe ich aber eine perfekte Fassade aufrechterhalten: Ich habe mein Abitur geschafft, meine Klavierprüfung und Bachelorabschluss mit Bestnote absolviert und vieles mehr. Aber genau das ist auch Teil des Problems gewesen: Weil es so ausgesehen hat, als würde alles funktionieren, hat lange niemand erkannt, was in meinem Inneren vorgegangen ist.
Was ging in dir vor, wenn du essen solltest?
Essen war für mich keine normale Alltagssituation mehr, sondern mit viel Angst, Zwängen und Verboten verbunden. Vor allem die Angst vor einer Gewichtszunahme war extrem präsent. Ich habe Situationen, in denen ich hätte essen müssen, aktiv vermieden, und wenn das nicht möglich war, habe ich Tricks angewandt, um vorzutäuschen, dass ich gegessen habe.
Essen war eine Belohnung fürs Hungern
So paradox es klingt: Obwohl Essen mit so viel Negativem verbunden war, ist es gleichzeitig das Highlight meines Tages gewesen. Ich habe mich auf nichts mehr gefreut als auf das Essen. Ich weiß, wie verrückt das klingt, aber Essstörungen sind eben verrückt – daher versuche ich es kurz zu erklären: Wer den Großteil der Zeit hungert, empfindet den Moment, in dem es etwas zu essen gibt, als sehr belohnend. (In meinem Ratgeber-Buch gehe ich ausführlicher darauf ein)
Dieses „gute Gefühl“ durfte aber nur bestehen, wenn das Essen genau kalkuliert war – Menge, Kalorien, Zusammensetzung – oder anders gesagt: wenn es „von der Essstörung genehmigt“ wurde. War das der Fall, habe ich alles getan, um so lange wie möglich zu essen um dieses Gefühl so lange wie möglich auszukosten. Für mich fühlte es sich an, als könnte ich für einen kurzen Moment entspannen, Ruhe finden und irgendwo auch Geborgenheit spüren.
Was hat dir das Nicht-Essen gegeben – auch wenn es im Nachhinein schwierig klingt?
Wenn ich gehungert habe, habe ich mich stark und kontrolliert gefühlt. Es gab mir Sicherheit und Struktur und es hat mir kurzzeitig Ruhe vom ständigen Psychoterror der Essstörung verschafft. Ich hatte das Gefühl, die „Herrscherin“ über meinen Körper zu sein – ein Trugbild, das mich weiter gefangen gehalten hat. Denn tief in mir wusste ich, dass diese Kontrolle nur durch die Essstörung erlaubt war und ich eigentlich nichts unter Kontrolle hatte – die Essstörung hatte mich unter Kontrolle. Sie war die Herrscherin über mich.
Nicht-zu-essen hat mich betäubt
Wenn der Körper damit beschäftigt ist zu überleben, haben Gefühle und Emotionen keine Priorität. Unterbewusst hat mich das Hungern also vor meinen eigenen negativen Emotionen geschützt. Gleichzeitig hat es mir geholfen, mich ein Stück weit wohler in meinem Körper zu fühlen. Ich erinnere mich, dass ich mir nur erlaubt habe, das Haus zu verlassen, wenn ich vorher nichts gegessen hatte, weil sich mein Bauch dann flach angefühlt hat – ein Gefühl, das sich am ehesten als „sauber“ beschreiben lässt. Gleichzeitig habe ich dadurch viele soziale Events verpasst und zahlreiche Erfahrungen nicht gemacht, die gerade in der Jugend enorm wichtig sind, um sich selbst zu finden.
Es ist alles sehr ambivalent gewesen: Ich konnte kurzfristig stolz auf meine Disziplin sein, doch innerlich habe ich mich leer, getrieben und erschöpft gefühlt.
Wie hast du deinen Körper damals wahrgenommen – wie hat sich das für dich angefühlt?
Ich wusste, dass ich eine verzerrte Körperwahrnehmung habe. Denn obwohl ich viel abgenommen habe, habe ich im Spiegel immer noch das dicke Mädchen gesehen, über das sich andere lustig gemacht haben. Wenn ich mich berührt habe, habe ich dieses Gewicht gespürt, das Fett gespürt, wie alles an mir gewackelt hat, bei jedem Schritt gespürt, wie der Boden unter mir nachgibt – gleichzeitig habe ich gewusst, dass das nicht möglich sein kann.
Mein Körper war kein Teil von mir
Mit meinem Körper und besonders mit meinen „Problemzonen“ habe ich nur Schlechtes verbunden. Das hat vor allem an den vielen negativen Kommentaren gelegen, besonders von Erwachsenen, die meine kritische Sicht auf mich verstärkt haben. Auch die Hänseleien von Mitschüler*innen haben tiefe Wunden hinterlassen. Ich habe meinen Wert als Person komplett von meinem Körper abhängig gemacht, und dieser wurde sehr viel kritisiert. Mein Körper wurde zu meinem größten Feind. Ich habe ihn nicht als Teil von mir betrachtet, sondern als eigenes Wesen, das alles daransetzt, mir das Leben schwer zu machen – etwas, das ich mit aller Kraft versucht habe zu ändern. Dabei habe ich völlig vergessen, was mein Körper eigentlich leistet und wie stark er ist. Trotz der schlimmen Dinge, die ich ihm angetan habe, hat er nie aufgegeben. Er hat immer weiter gekämpft. Mein Körper ist derjenige gewesen, der der Essstörung die Stirn geboten hat. Er ist derjenige, der seit vielen Jahren kämpft und die Essstörung nicht gewinnen lässt. Mein Körper ist nicht mein Feind, sondern mein Beschützer.
Welche Rolle hat das Verhalten von Erwachsenen – zum Beispiel in Bezug auf Körper, Essen oder Diäten – für dich gespielt?
Die Kommentare von Erwachsenen haben eine sehr große Rolle gespielt. Ich erinnere mich noch genau: Einmal rief der Vater eines gegnerischen Fußballteams über den ganzen Platz: „Pass auf die fette Rothaarige hinter dir!“ – ich war die einzige Rothaarige auf dem Platz. Oder eine Lehrerin, als ich nach einer schweren Krankheit (durch die ich viel abgenommen hatte) wieder in die Schule kam, sagte vor der ganzen Klasse: „Jetzt ist dein Babyspeck auch endlich weg.“ – Ich war 12 Jahre alt. Ich habe früh gelernt, welche Kleidung ich tragen sollte, um meine Beine zu kaschieren und meinen Po zu verdecken und welche Kleidung ich lieber vermeiden sollte, weil „meine Beine darin noch fetter aussehen würden“. Diese Kommentare haben mir das Gefühl gegeben, dass mit meinem Körper wirklich etwas „nicht stimmt“ – nicht nur aus meiner eigenen Wahrnehmung heraus, sondern auch aus der Sicht von außen.
Hinzu kamen die vielen Diäten, die mir vorgelebt wurden. Wer kennt sie nicht, die Frauen, die ständig über ihre neueste Diät sprechen oder darüber, wie viele Kilos noch für den Bikini-Body purzeln müssen? Solche Aussagen haben mich stark geprägtgt denn gerade als Kind oder Jugendliche verankert man sowas tief im Unterbewusstsein.
Was haben Erwachsene oder Eltern oft nicht verstanden?
„Nur weil wir im Normalgewicht sind, sind wir nicht gesund.“ „Nur weil wir essen, sind wir nicht gesund.“
Essstörungen sind psychische Erkrankungen und keine Frage des Gewichts. Dennoch denken viele immer noch, dass Essstörungen ausschließlich etwas mit Gewicht, Essen und Medien zu tun haben. Das stimmt nicht. Ich hatte diese Gedanken schon, bevor ich ein Handy hatte oder überhaupt wusste, was Germany’s Next Topmodel ist. Ja, Social Media und Medien haben einen großen Einfluss – aber sie sind nicht allein verantwortlich. Es wäre viel zu simpel, die Schuld nur dort zu suchen.
Zuhören ohne zu urteilen
Essstörungen entstehen vor allem aus inneren Konflikten, aus Unsicherheiten, aus negativen Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Es geht nicht ums Essen selbst, sondern um Kontrolle, Angst, Schuld, Perfektionismus, Selbstwertprobleme und den Umgang mit sich selbst und dem Umfeld. Das Essen ist nur das sichtbare Symptom. Ebenso sind Essstörungen nicht auf Essenszeiten beschränkt – sie durchdringen das gesamte Leben der Betroffenen und sind immer präsent. Essstörungen sind kein Modeproblem, kein Schönheitswahn und kein Lifestyle. Wer die Krankheit ernst nimmt, muss hinschauen und vor allem zuhören, ohne zu urteilen.
Eltern können unterstützen, aber die Erkrankung nicht heilen
Oft werden Warnsignale übersehen. Ein Kind kann lachen, zur Schule gehen und gute Leistungen erbringen und gleichzeitig massiv leiden. Hinweise wie Kleidung, übermäßiger Sport, Rückzug oder Angst vor Mahlzeiten werden häufig nicht erkannt oder bagatellisiert. Aussagen wie „Iss doch einfach“ oder „Jetzt stell dich nicht so an“ zeigen ein grundlegendes Missverständnis: Eine Essstörung lässt sich durch Willenskraft allein nicht heilen. Professionelle Hilfe ist notwendig, und Eltern sollten diese Fachleute einbeziehen.
Was hätte dir im Umgang mit Erwachsenen konkret geholfen – zum Beispiel in Gesprächen oder am Esstisch?
Als noch niemand von meiner Essstörung wusste, hätte es mir sehr geholfen, wenn meine Andeutungen ernst genommen worden wären. Ich habe mich verschiedenen Menschen anvertraut, bin aber immer wieder abgewiesen worden mit Sätzen wie: „Ach was, du siehst doch toll aus.“ Das hat mich nur tiefer in die Essstörung getrieben. Ein typisches Symptom der Krankheit ist nämlich, dass sich Betroffene nie „krank genug“ fühlen und die Essstörung deshalb nicht loslassen „dürfen“. Aussagen wie diese sowie das nicht ernstgenommen werden aufgrund meines Normalgewichts, haben meine Essstörung gefüttert und mich dazu getrieben, immer extremere Maßnahmen zu ergreifen, um weiter abzunehmen. Ich war überzeugt, dass mein inneres Leid nur dann gesehen und ernstgenommen wird, wenn mein Körper es widerspiegelt – wenn es von Außen sichtbar ist.
Heute weiß ich aber auch, wie schwer es für Außenstehende gewesen sein muss, mein Leid zu erkennen: Ich sehe normal aus, erbringe Top-Leistungen in allen Lebensbereichen, bin immer fröhlich und lächle – eine Fassade, die ich mir so sehr antrainiert habe, dass ich sie selbst kaum noch wahrnehme.
Nach Therapie und Klinikaufenthalt, kam neuer Druck
Dann kam die Zeit, in der jeder wusste, dass ich eine Essstörung habe: Therapie, Klinikaufenthalt, mein eigenes Buch sowie meine Aufklärungsvideos auf Social Media. Zehn Jahre habe ich es mit mir selbst ausgemacht – das konnte und wollte ich nicht mehr. Doch damit kamen neue Herausforderungen auf mich zu. „Schön, dass du aus der Klinik bist! Jetzt geht’s dir wieder gut, oder?“ Solche Aussagen haben enormen Druck erzeugt. Nur weil ich in einer Klinik war, nur weil Menschen mich beim Essen gesehen haben, nur weil mein Körper normal aussieht, bedeutete das noch lange nicht, dass ich gesund bin. Doch genau das haben alle von mir erwartet – zumindest hat es sich für mich so angefühlt.
Ich wollte niemanden enttäuschen
Die enttäuschten Blicke, die Vorwürfe, die ich mir anhören durfte, wenn ich ehrlich sagte, dass ich eben nicht gesund war und es mir nicht besser ging, haben mich sehr belastet. Ich wollte niemanden enttäuschen, also habe ich angefangen immer mehr zu lügen: „Ja, mir geht’s besser.“
Ebenso hätte es mir geholfen, wenn mein Essverhalten nicht kommentiert worden wäre. In Gesellschaft zu essen war eine ständige Stresssituation: Meine Portionen wurden kritisiert – zu groß, zu klein, zu gesund, zu ungesund – ich hatte das Gefühl, jeder beobachtet mich und egal wie sehr ich mich anstrenge, ich mache es niemandem recht.
Auch die Phase „Wir ignorieren es einfach und tun so, als gäbe es die Essstörung nicht“ war nicht hilfreich. Mein Problem, dass ich nicht zeigen konnte, wie es mir wirklich ging, hat sich dadurch nur verstärkt – denn wenn etwas nicht existiert, darf man es erst recht nicht zeigen.
Du bist nicht allein – du wirst gesehen
Wirklich geholfen hat mir, wenn man mir einfach zugehört hat. Wenn ich ehrlich sagen konnte, was in mir vorgeht – egal, wie bescheuert es auch klingen mag. Wenn ich 30 Minuten lang meine Ängste im Monolog rauslassen konnte, warum zum Beispiel der 1,5 % Joghurt aus dem Penny nicht der richtige war, sondern es der aus dem Rewe hätte sein sollen. Viel Geduld, keinen Druck, zuhören, in den Arm genommen werden, gespiegelt zu bekommen: „Du bist nicht allein, du wirst nicht übersehen, du bist nicht egal.“ – das hat mir wirklich geholfen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich 2021 meinen ganzen Mut zusammengenommen habe und mich einer Person anvertraut habe. Es war das erste Mal, dass ich ernstgenommen wurde. Für einen Moment hat es sich angefühlt, als würde meine Fassade fallen und mein Inneres endlich gesehen werden. Das hat mir so viel Kraft gegeben, dass ich endlich den Schritt gegangen bin, mir professionelle Hilfe zu suchen.
Was möchtest du Eltern mitgeben, die sich gerade große Sorgen machen?
Seht bitte nicht weg und stempelt es nicht als „Phase“ ab. Auch wenn nach außen alles „gut“ aussieht, kann innerlich viel im Ungleichgewicht sein. Nur weil ein Kind funktioniert, heißt das nicht, dass es ihm gut geht. Eine Essstörung übernimmt die Kontrolle und sorgt oft dafür, dass Betroffene sie schützen und verheimlichen. Viele wünschen sich insgeheim, angesprochen zu werden, weil sie es selbst nicht schaffen.
Ergreift die Initiative
Sprecht eure Sorgen an auch wenn es unangenehm ist, Konflikte auslösen kann und euer Kind vielleicht abweisend reagiert. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
Schweigen kann bei Betroffenen das Gefühl verstärken, jedem egal zu sein und genau das treibt viele tiefer in die Krankheit – denn die Krankheit ist immer für einen da. Fragt nach, wie es ihnen geht, und hört zu ohne zu urteilen oder sofort Lösungen finden zu wollen. Manchmal ist ein offenes Ohr wertvoller als jeder Ratschlag.
Sprecht eure Sorgen behutsam an – ohne Wut und Schuldzuweisungen
Nicht vorwurfsvoll, sondern ehrlich und einfühlsam. Reagiert niemals mit Wut. Auch Schuldzuweisungen helfen nicht – sie treiben Betroffene oft nur weiter von euch weg. Eine Essstörung ist keine Entscheidung, sondern eine Krankheit. Nehmt das Leid ernst: Wird es heruntergespielt, kann das dazu führen, dass Betroffene das Gefühl haben, es „beweisen“ zu müssen – oft, indem sie noch weiter gehen.
Warum hast du ein Buch zu diesem Thema geschrieben?
Essstörungen sind psychische Erkrankungen und keine Frage des Gewichts. Dennoch bleiben viele Betroffene lange unerkannt, weil sie nicht dem stereotypen Bild entsprechen: weiblich, weiß, untergewichtig. Dabei sind nur etwa 6% der Erkrankten tatsächlich untergewichtig. Medien verstärken dieses Klischee (Extremfälle lassen sich besser verkaufen) doch auch Ratgeberliteratur und strenge Gewichtskriterien in der Medizin führen dazu, dass Betroffene keine oder erst verspätet Hilfe erhalten. In dieser Zeit kann sich die Erkrankung weiter verfestigen, Therapien werden langwieriger, Therapieplätze länger belegt und im schlimmsten Fall chronifiziert sich die Essstörung.
Meine Essstörung wurde lange übersehen – ich wirkte nicht „krank genug“
Ich weiß, wovon ich spreche: Meine Essstörung wurde viele Jahre „übersehen“, weil ich nicht „krank genug“ wirkte. Wer hat schon eine Essstörung und ist dabei im Normalgewicht?! Die Konsequenz war ein langer Klinikaufenthalt und eine Aussage der behandelnden Ärzte, die sich tief in mir eingebrannt hat: Weil die Essstörung so viele Jahre nicht behandelt wurde, könne man nicht mehr davon ausgehen, dass ich jemals vollständig gesund werde.
Daraus ist die Motivation für dieses Buch entstanden. Mit „Normalgewicht“ möchte ich ehrlich und authentisch über die Krankheit aufklären und Einblicke in die Köpfe der Betroffenen ermöglichen. Ich möchte zeigen, dass eine Essstörung nichts mit einem bestimmten Körpergewicht zu tun hat, sondern eine ernstzunehmende psychische Erkrankung ist. Ich möchte deutlich machen, welche Folgen es haben kann, wenn sie zu lange unbehandelt bleibt.
Mein Ziel ist, dass Menschen hinsehen bevor es zu spät ist.
Nur wenn wir das Bild von Essstörungen erweitern, können Betroffene rechtzeitig erreicht und unterstützt werden. Gleichzeitig kenne ich die Last, die das soziale Umfeld der Betroffenen trägt: die Unsicherheit, die Fragen, die Angst, etwas falsch zu machen. Gerade Eltern, die ihrem Kind helfen wollen, fühlen sich oft hilflos und überfordert. Deshalb habe ich in meinem Buch konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Betroffenen integriert, um diese Unsicherheit zu nehmen und Mut zu machen, sein Kind aktiv zu unterstützen.
Original als Kunstbuch
Anmerkung: Das Buch ist im Original als Kunstbuch entstanden mit der Absicht das unsichtbare sichtbar zu machen. Gestaltung, Haptik und interaktive Elemente ermöglichen es, die innere Gedankenwelt der Betroffenen für Außenstehende greifbar und erlebbar zu machen. Ein Buch hält man schließlich in den Händen.
