Format: Tipps – Frau mit Buch
Tipp

Geburtstrauma – Wenn die Geburt innerlich nicht vorbei ist

Gastautorin - Dr. Nicole Szesny-Mahlau

Die Geburt eines Kindes ist für viele Familien ein bewegender Moment. Doch nicht jede Geburt wird als positiv erlebt. Manche Mütter – und auch Väter – fühlen sich danach hilflos oder leiden noch lange unter belastenden Erinnerungen. Fachleute sprechen dann von möglichen Folgen eines Geburtstraumas. Welche Anzeichen darauf hinweisen können und warum es wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen, darüber sprechen wir mit Dr. Nicole Szesny-Mahlau. Sie ist Psychologische Psychotherapeutin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit psychischen Belastungen rund um Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Behandlung von Traumafolgestörungen.

Dr. Szesny-Mahlau ist dabei besonders wichtig: Eltern brauchen nicht zu beweisen, dass ihre Belastung schwer genug ist. Wenn sich eine Geburt innerlich nicht abgeschlossen anfühlt, ist das Grund genug, genauer hinzuschauen und Unterstützung zu suchen.

Lesezeit: Etwa 13 Minuten
Mann umarmt traurige Frau liebevoll von hinten. Nah.

Bist du gerade schwanger?

Dann möchten wir dir dies gern ans Herz legen: Die Beispiele in diesem Interview sollen dir keine Angst vor der Geburt machen. Sie zeigen, dass belastende Geburtserfahrungen, Gefühle und die Reaktionen darauf ganz verständlich sind. Wir möchten vermitteln, dass niemand mit solchen Erlebnissen allein bleiben muss. Wenn eine Geburt belastend war, ist es hilfreich, sich früh Unterstützung zu holen: Begleitung kann dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten und gut für sich selbst zu sorgen.

Ist es normal, dass Erinnerungen an die Geburt immer wieder hochkommen?

Eine Geburt ist für viele Eltern intensiv, anstrengend und überwältigend. Oft gelingt es mit etwas Abstand, das Erlebte innerlich einzuordnen. Es wird zu einer schwierigen, vielleicht auch schmerzhaften Erinnerung – aber es gehört irgendwann der Vergangenheit an.

Manchmal passiert genau das nicht. Dann ist die Geburt zwar äußerlich vorbei, innerlich aber nicht abgeschlossen. Bilder tauchen wieder auf. Der Körper reagiert, als wäre die Situation noch nicht zu Ende. Manche Eltern fühlen sich wie abgeschnitten, andere sind dauerhaft angespannt oder auf Alarm. Viele schämen sich für diese Reaktionen und fragen sich, warum sie die Geburt nicht einfach hinter sich lassen können und sich über ihr Baby freuen können.

Ist jede belastende Geburt ein Trauma?

Über Geburtstraumata wird noch immer wenig gesprochen, obwohl belastende Geburtserfahrungen kein seltenes Phänomen sind. Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes und Studien hierzu erlebt etwa jede dritte Frau ihre Geburt als psychisch belastend oder auch als traumatisch. 

Wichtig ist dabei beides: Nicht jede belastende Geburt ist ein Trauma. Und gleichzeitig müssen Eltern nicht selbst entscheiden, ob das, was sie erlebt haben, „schlimm genug“ war. Es reicht, wenn sie merken: Die Geburt lässt mich nicht los.

Was genau ist ein Geburtstrauma?

Nicht alles, was unter der Geburt schmerzhaft, chaotisch oder überwältigend erlebt wird, ist automatisch ein Trauma. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der Begriff sonst unscharf wird. Von einem Trauma sprechen wir dann, wenn die Belastung einer Situation die Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen übersteigt. Entscheidend ist, dass Angst, Ohnmacht, Kontrollverlust oder massives Ausgeliefertsein so stark im Vordergrund standen, dass das Erlebte psychisch nicht gut verarbeitet werden konnte.

Ab wann liegt eine traumatische Geburtserfahrung vor?

Das Wort Trauma bedeutet ursprünglich „Wunde“ – gemeint ist eine seelische Verletzung. Auf die Geburt bezogen würde ich sagen: Eine traumatische Geburtserfahrung liegt dann vor, wenn Ereignisse rund um die Geburt so überwältigende belastende Gefühle und Reaktionen ausgelöst haben, dass sie langfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der betroffenen Frau haben. Entscheidend ist dabei nicht allein, was medizinisch passiert ist, sondern wie die Situation erlebt wurde – und ob dieses Erleben über die Geburt hinaus weiter nachwirkt.

 

Vieles kann mit Zeit und Unterstützung heilen

Vieles, was rund um eine Geburt belastend war, kann mit Zeit, Unterstützung, guten Gesprächen und einer verstehbaren Einordnung wieder abheilen. Manchmal reicht das aber nicht. Dann braucht es gezielte professionelle Hilfe. Und weil Schwangerschaft, Geburt und frühe Elternschaft nie nur eine einzelne Person betreffen, sollte man immer das ganze System mitdenken: die Mutter, den Vater oder zweiten Elternteil, das Kind und die frühe Beziehung zwischen ihnen.

 

Viele Betroffene machen ihr eigenes Erleben klein

Sie sagen: „Objektiv war es doch gar nicht so schlimm.“ Aber genau damit wird das Entscheidende oft übersehen. Eine Geburt kann subjektiv traumatisch erlebt werden, auch wenn sie im Geburtsbericht nicht wie eine Katastrophe aussieht. Das Gefühl von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Kontrollverlust oder Scham kann psychisch schwerer wiegen als der medizinische Ablauf allein.

 

Für viele ist schon diese Einordnung entlastend. Es muss nicht „dramatisch genug“ gewesen sein. Entscheidend ist, ob die Situation damals zu viel war und vor allem ob sie bis in die Gegenwart nachwirkt.

Woran merken Eltern, dass die Geburt sie stärker belastet, als sie sollte?

Oft merken Eltern zuerst nur: Seit der Geburt stimmt etwas nicht. Auch wenn sie sich gar nicht aktiv an die Geburt erinnern wollen, tauchen immer wieder Bilder von einzelnen Momenten auf. Manche sind ständig angespannt oder schreckhaft. Andere fühlen sich innerlich weit weg, taub oder wie abgeschnitten. Wieder andere funktionieren nach außen erstaunlich gut. Sie versorgen ihr Baby, organisieren Termine, beantworten Nachrichten und wirken so, als hätten sie alles im Griff. Gerade diese Eltern werden häufig spät gesehen, weil ihre Not nicht laut ist und sie keine Vorstellung davon haben, dass es auch anders sein könnte.

 

Was ist eine normale Belastungsreaktion – ab wann sollte man genauer hinschauen?

Eine belastende Geburt kann in den ersten Tagen und Wochen zu starken Reaktionen führen. Das ist nicht ungewöhnlich. Erinnerungsbilder tauchen auf, Gefühle brechen durch, der Körper bleibt angespannt oder reagiert plötzlich sehr heftig. Nach einer Geburt ist ohnehin vieles offen: Der Körper ist erschöpft, der Schlaf fehlt, das Baby braucht Versorgung, und viele Eltern haben kaum Zeit, überhaupt zu verstehen, was passiert ist.

 

Entscheidend ist, ob sich das Erlebte nach und nach sortieren kann

Bei vielen Betroffenen werden aus einzelnen Bildfetzen allmählich zusammenhängendere Erinnerungen. Sie können über die Geburt sprechen, Fragen stellen, den Ablauf noch einmal mit einer Hebamme, einer Ärztin oder einer vertrauten Person durchgehen. Die Geburt bleibt vielleicht schwierig. Aber sie rückt in die Vergangenheit.

 

Die Geburt rückt innerlich nicht in die Vergangenheit

Wenn die Geburt innerlich nicht in die Vergangenheit rückt, wenn Wiedererleben anhält, Vermeidung stärker wird oder der Körper dauerhaft im Alarm bleibt, kann psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Nicht jede anhaltende Belastung nach einer Geburt ist eine posttraumatische Belastungsstörung. Auch Angst, depressive Symptome, starke Schuldgefühle können Hinweise darauf sein, dass Unterstützung hilfreich wäre.

Was ist eine Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach der Geburt?

Eine PTBS ist eine Traumafolgestörung. Das bedeutet: Das Erlebte ist nicht einfach als Erinnerung abgespeichert, sondern kann durch bestimmte Auslöser körperlich und emotional wieder sehr gegenwärtig werden. Eltern brauchen sich nicht selbst diagnostizieren. Es kann entlastend sein zu wissen, dass es eine geburtsbezogene PTBS gibt – und dass Fachleute bestimmte Symptome kennen, einordnen und behandeln können.

 

Das Kernsymptom ist das Wiedererleben

Das Erlebte drängt sich auf und fühlt sich für einen Moment fast wieder gegenwärtig an. Das können Bilder sein, Albträume oder Flashbacks. Ein Flashback bedeutet, dass das eigene System so reagiert, als wäre die Situation wieder da. Manche sehen den Operationssaal vor sich, manche hören wieder Stimmen, manche spüren die alte Panik, den Schmerz oder das Ausgeliefertsein sofort im Körper. Auch das Baby selbst kann ungewollt mit der belastenden Erfahrung verknüpft sein. Das ist für Eltern oft besonders beschämend, weil sie ihr Kind lieben und trotzdem körperlich in Alarm geraten.

 

Vermeidung und anhaltende Alarmbereitschaft

Neben dem Wiedererleben treten häufig Vermeidung und anhaltende Alarmbereitschaft auf. Betroffene halten sich von allem fern, was an die Geburt erinnert, sind angespannt, reizbar, schreckhaft, schlafen schlecht oder haben das Gefühl, nie wirklich herunterzufahren. Häufig kommen Schuld, Scham, Rückzug oder eine innere Abgestumpftheit dazu.

 

„Ich will nicht ständig daran denken – aber es passiert einfach“. Dies sagen viele Betroffene irgendwann. Auch dieser Satz beschreibt sehr gut, worum es geht: Die Erinnerung wird nicht aktiv gesucht. Sie drängt sich auf.

Was kann eine belastende oder traumatische Geburt auslösen?

Meist entsteht eine traumatische Reaktion aus einem Zusammenspiel von dem, was jemand mitbringt, und dem, was unter der Geburt geschieht. Frühere Traumata, psychische Belastungen, starke Ängste in der Schwangerschaft oder fehlende soziale Unterstützung können das Risiko erhöhen. Gleichzeitig kann eine Geburt auch ohne größere Vorgeschichte traumatisch erlebt werden, wenn das Geburtserleben selbst überwältigend ist.

 

Besonders belastend sind Situationen, in denen der Geburtsverlauf plötzlich kippt

Die Geburt kommt nicht voran. Die Sorge um das Kind wächst. Im Raum steigt die Anspannung. Dann muss vielleicht sehr schnell entschieden werden. Aus einer vaginal geplanten Geburt wird ein Notkaiserschnitt. Das Kind muss direkt nach der Geburt notfallmedizinisch versorgt werden oder kommt auf eine Neugeborenen- oder Intensivstation. Solche Situationen können medizinisch gut begründet sein – psychisch können sie sich trotzdem wie ein Einbruch anfühlen. Studien zeigen, dass gerade nach einem Notkaiserschnitt das Risiko für eine geburtsbezogene PTBS erhöht ist.

 

Fehlende Kommunikation, Ohnmachtsgefühl, Übergriffigkeit

Dazu kommen Erfahrungen, die weniger mit der medizinischen Lage selbst zu tun haben, sondern mit Beziehung, Kommunikation und Würde: fehlende Information, das Gefühl, keine Wahl mehr zu haben, grenzverletzende Untersuchungen, abwertende Kommentare, Schamverletzungen oder das Erleben, in einem extrem verletzlichen Moment nicht mehr als Person wahrgenommen zu werden.

 

Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig: Eine Maßnahme kann medizinisch sinnvoll oder sogar lebensrettend sein – und sich für die Frau oder das Paar trotzdem überwältigend anfühlen. Das ist kein Widerspruch. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Was können Schwangere vor der Geburt bedenken?

Geburten lassen sich nicht vollständig planen, und niemand ist schuld, wenn eine Geburt trotz guter Vorbereitung als belastend erlebt wird. Trotzdem kann es hilfreich sein, sich nicht nur auf den Ablauf der Geburt vorzubereiten, sondern auch auf die Fragen:

  • Was hilft mir, mich sicherer zu fühlen?
  • Wer soll bei mir sein?
  • Welche Informationen brauche ich?
  • Was möchte ich, wenn schnell entschieden werden muss?

Für manche Schwangere ist es entlastend, vorher mit der Hebamme, der gynäkologischen Praxis oder der Klinik über Ängste, frühere Belastungen, Grenzen und Wünsche zu sprechen. Das verhindert nicht jede Überforderung. Aber es kann helfen, Wahlmöglichkeiten, Information und Unterstützung bewusster mitzudenken.

Warum wäre eine Nachbesprechung wichtig?

Rund um Geburt gibt es sehr starke Erwartungen. Geburt gilt als Beginn von etwas Glücklichem. Wer danach Angst, Scham, Wut oder Leere empfindet, erlebt sich schnell als abweichend, undankbar oder falsch. Sätze wie „Hauptsache, das Baby ist gesund“ sind meist gut gemeint. Sie können aber verdecken, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können: große Erleichterung darüber, dass das Kind lebt und gesund ist, und tiefes inneres Erschrecken über das, was geschehen ist.

 

Eine gute Nachbesprechung

Nach belastenden Geburten fehlt oft genau das, was helfen könnte: eine gute Nachbesprechung. Viele Ärztinnen, Ärzte oder Hebammen tun sich schwer damit, das subjektive Erleben der Familie direkt anzuerkennen. Das hat auch mit dem professionellem Selbstbild zu tun. Gerade wenn das eigene Handeln medizinisch richtig war, entsteht leicht Abwehr.

Für Familien kann es sehr entlastend sein, wenn beides nebeneinander stehen darf: Ja, diese Maßnahme war nötig. Und ja, es kann trotzdem sein, dass sie sich furchtbar angefühlt hat. Es geht dabei nicht darum, Schuldige zu finden. Es geht darum, das Erlebte verstehbarer zu machen.

 

Warum kommt das manchmal erst später wieder hoch?

Viele Betroffene berichten, dass sie direkt nach der Geburt erst einmal funktioniert haben. Das Baby ist da, der Körper erschöpft, die ersten Wochen sind dicht und fordernd. In dieser Zeit bleibt oft wenig Raum für Verarbeitung. Manchmal zeigt sich erst später, wie sehr die Geburt innerlich noch nachwirkt.

 

Eine erneute Schwangerschaft kann alte Erfahrung hochkommen lassen

Besonders häufig wird eine frühere belastende Geburt in einer erneuten Schwangerschaft wieder akut. Plötzlich sind die Bilder wieder da, die Angst ist zurück, der Körper reagiert. Aber auch wenn eine neue Schwangerschaft ausbleibt, wenn ein weiterer Kinderwunsch schmerzhaft wird oder wenn medizinische Termine anstehen, kann eine alte Geburtserfahrung wieder sehr präsent werden. Deshalb werden Geburtstraumata nicht immer direkt nach der Geburt erkannt, sondern manchmal erst Monate oder Jahre später.

 

Erlebtes wurde nicht verarbeitet

Das Wiedererleben kann passieren, weil etwas, das damals nicht verarbeitet werden konnte, erneut aktiviert wurde. Viele Eltern sind erleichtert, wenn sie diese Zusammenhänge verstehen. Die späte Reaktion wirkt dann weniger rätselhaft. Sie zeigt nicht, dass jemand „zu empfindlich“ ist. Sie zeigt, dass eine Erfahrung damals zu viel war und noch keinen sicheren Platz in der eigenen Geschichte gefunden hat.

Können auch Väter ein Geburtstrauma erleben?

Ja. Auch Väter oder zweite Elternteile können die Geburt als traumatisch erleben. Sie sehen unter Umständen dramatische Situationen, sorgen sich um Mutter und Kind, fühlen sich hilflos und sollen gleichzeitig funktionieren. Viele stellen ihre eigene Reaktion erst einmal zurück, weil die Aufmerksamkeit verständlicherweise bei Mutter und Kind liegt.

 

Die Symptome ähneln denen von Müttern: Wiedererleben, Vermeidung, Schlafprobleme, starke Anspannung, Gereiztheit oder ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis. Manche beschreiben es eher indirekt. Sie sagen: „Seit der Geburt bin ich dauernd auf Empfang“ oder: „Ich musste ständig kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.“

 

Deshalb ist es wichtig, die Belastung von Vätern und zweiten Elternteilen ausdrücklich mitzudenken. Auch für sie gilt: Solche Reaktionen sind nicht ungewöhnlich. Und sie bedeuten nicht, dass jemand schwach ist.

 

Welche Folgen kann eine belastende Geburt für die Familie haben?

Viele Paare erleben, dass sie sehr unterschiedlich mit der Geburt umgehen. Eine Person möchte sprechen, die andere eher vermeiden. Eine fühlt sich nicht verstanden, die andere hilflos oder überfordert. Daraus kann Distanz entstehen, obwohl beide auf ihre Weise an derselben Erfahrung leiden.

 

Für das Baby und die frühe Bindung ist mir eine Unterscheidung wichtig:

Eine belastende Geburt bedeutet nicht, dass die Bindung gestört ist. Gleichzeitig kann eine starke psychische Belastung der Eltern die erste Zeit erschweren. Säuglinge sind auf Co-Regulation angewiesen – also darauf, dass Erwachsene sich feinfühlig auf sie einstimmen und ihnen helfen, immer wieder in einen sicheren Zustand zurückzufinden. Wenn Eltern selbst dauerhaft im Alarmmodus sind oder sich innerlich abgeschnitten fühlen, kann diese Abstimmung schwieriger werden.

Gerade deshalb ist frühe Unterstützung so wichtig. Nicht, weil etwas kaputt ist. Sondern weil man in dieser Phase viel auffangen kann, bevor sich Angst, Rückzug oder Überforderung weiter verfestigen. Bei sehr kleinen Kindern zeigen sich Belastungen eher über Schlaf, Füttern, starke Unruhe oder Schwierigkeiten in der frühen Interaktion. In der frühen Kindheit muss man deshalb fast immer die Beziehung mitdenken, nicht nur einzelne Symptome.

Warum beginnt die psychische Belastung manchmal schon vor der Geburt?

Ein Geburtstrauma beginnt nicht immer erst im Kreißsaal. Viele Eltern bringen eine Vorgeschichte mit: unerfüllten Kinderwunsch, Kinderwunschbehandlungen, Fehlgeburten, Totgeburten, Ängste in der Schwangerschaft oder frühere traumatische Erfahrungen.

Gerade Verlusterfahrungen vor der Geburt sind psychisch hoch relevant. Eine spätere Geburt trifft dann nicht selten auf ein System, das schon lange unter Spannung steht. Wenn man das nicht mitdenkt, versteht man manche Reaktionen nicht gut.

Was hilft, wenn die Geburt nicht verarbeitet ist?

Den Geburtsverlauf besser verstehen

Der erste Schritt ist oft, das eigene Erleben ernst zu nehmen. Es nicht sofort kleinzureden. Nicht aus Scham zu verstummen. Und nicht darauf zu warten, dass es einfach von allein verschwindet. Hilfreich kann ein Gespräch mit einer Hebamme sein, mit der gynäkologischen Praxis oder – wenn Eltern das möchten – mit der geburtshilflichen Klinik im Rahmen einer Nachbesprechung. Für manche Familien ist es wichtig, den Geburtsverlauf besser zu verstehen: Was ist passiert? Warum wurde so entschieden? Wo gab es medizinische Notwendigkeit, und wo blieb das eigene Erleben unberücksichtigt?

 

Psychotherapeutische Unterstützung

Wenn die Belastung deutlich anhält, kann psychotherapeutische Unterstützung wichtig werden. Bei belastenden und traumatischen Reaktionen rund um die Geburt gibt es wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Vor allem traumafokussierte Psychotherapie kann viel bewirken. 

 

Gerade bei einer geburtsbezogenen PTBS ist es wichtig zu wissen: Diese Symptome müssen nicht einfach ausgehalten werden. Sie lassen sich behandeln. Ziel ist, dass die Geburt ihren Platz in der Vergangenheit finden kann und nicht immer wieder in die Gegenwart einbricht.

 

Eltern-Säuglings-Beratung

Für Eltern mit sehr kleinen Kindern können zusätzlich Eltern-Säuglings-Beratung, Eltern-Kleinkind-Therapie, frühe Hilfen oder auch Paar- und Familienberatung sinnvoll sein. Häufig geht es nicht nur um ein einzelnes Symptom, sondern darum, wieder mehr Sicherheit in den gemeinsamen Alltag zu bringen.

 

Hilfe ist sinnvoll, wenn:

Bilder oder Körperreaktionen sich aufdrängen, bestimmte Orte oder Termine konsequent vermieden werden, der Körper ständig anspringt, Eltern sich innerlich abgeschnitten fühlen oder das Schreien des Babys Panik auslöst.

 

So kann ein erster Satz in einer Beratung lauten:

„Die Geburt wirkt noch nach. Ich habe Bilder im Kopf, vermeide Termine, mein Körper reagiert stark, ich fühle mich innerlich nicht da.“ Oft ist es leichter, zunächst zu beschreiben, wie es heute noch nachwirkt, als die ganze Geburt sofort erzählen zu müssen.

Was ist die wichtigste Botschaft für betroffene Eltern?

Eltern dürfen sich Hilfe holen – auch früh, nicht erst dann, wenn sie das Gefühl haben, gar nicht mehr zu können. Eine belastende oder traumatische Geburt ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist oft eine nachvollziehbare Reaktion auf eine Situation, die zu viel war. Und ein schwieriger Anfang legt nicht fest, wie es weitergeht. Beziehung kann sich entwickeln. Nähe kann wachsen. Eltern und Kind können nach und nach wieder mehr Sicherheit miteinander finden. Dafür muss man das Erlebte nicht kleinreden. 

Im Gegenteil: Häufig beginnt Verarbeitung genau dort, wo jemand ernst nimmt, dass etwas nicht einfach vorbei war, nur weil die Geburt medizinisch abgeschlossen ist.

Unterstützung finden

Erste Anlaufstellen können Hebammen, gynäkologische Praxen, Kinderärzt*innen, psychologische Beratungsstellen, frühe Hilfen oder spezialisierte Psychotherapeut*innen sein.

 

Wenn man unsicher ist, hilft oft ein einfacher Einstieg

Nicht nur erzählen, was passiert ist, sondern vor allem, wie es heute noch nachwirkt – zum Beispiel über Wiedererleben, Vermeidung oder den Alarm im Körper. Wenn Trigger im Alltag überrollen oder man merkt, dass bestimmte Themen und Termine nur noch umgangen werden, ist das ein guter Zeitpunkt, gezielt nach traumasensibler oder traumafokussierter Unterstützung zu suchen. Auch die Angebote von ElternLeben, etwa Hebammenberatung oder die Online-Beratung, können ein guter erster Schritt sein.

Newsletter Anmeldung ZUR ANMELDUNG

Online Beratung
zur Onlineberatung
» zur Beratung