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Selektiver Mutismus, Schüchternheit, Autismus – Unterschiede

Gastautorin - Niloufar Jamali

Marie, 6 Jahre alt, kommt in die erste Klasse. Auf den ersten Blick wirkt sie sehr schüchtern. Auf die Begrüßung der Lehrerin und Mitschüler reagiert sie nicht. Ihr Blick ist gesenkt und ihre Körperhaltung wirkt erstarrt. Als sie ihre erste Aufgabe erhält, einen Stern auszuschneiden, merkt sie, dass ihre Schere fehlt. Sie würde gerne nach einer Schere fragen. Zu Hause klappt es doch auch. Warum jetzt nicht?

Es fühlt sich so an als wäre der Hals zugeschnürt und kein Ton kann den Weg hinausfinden. Sie möchte auch auf die Toilette, aber sie traut sich nicht zu fragen. Als sie zu Hause ist, hat sie enormen Redebedarf. Sie spielt mit ihrer Schwester und tobt durch die Wohnung. Ihre Mutter berichtet, dass Marie schon im Kindergarten nicht gesprochen hat. Mit einer Freundin hat sie gesprochen, aber nicht im Kindergarten. Sie sei ein ruhiges, schüchternes Mädchen, meldete man den Eltern zurück. Ihre Eltern merkten, dass sie im Restaurant, im Supermarkt und auf dem Spielplatz plötzlich verstummte, wenn jemand in der Nähe war. Marie hat selektiven Mutismus.

Warum schweigen manche Menschen, obwohl sie sprechen können und möchten? Ich möchte Müttern und Vätern Mut machen und Hoffnung geben. Denn der selektive Mutismus ist überwindbar.

Lesezeit: Etwa 12 Minuten
Schüchternes Mädchen steht auf Wiese und hält sich die Hand vor den Mund

Was ist Selektiver Mutismus?

Der selektive Mutismus bezeichnet eine Unfähigkeit, trotz vorhandenem Sprach- und Hörvermögen, in bestimmten Situationen und mit bestimmten Personen sprechen zu können. Meist sprechen die Kinder zu Hause ganz ungehemmt, spielen und lachen wie ihre Alterskameraden. Außerhalb des privaten Umfeldes jedoch, manchmal sogar auch bei Verwandten, wie z.B. Großeltern, sprechen betroffene Kinder nicht. Sie wirken körperlich wie eingefroren und schweigen. Bei manchen Kindern ist auch das nonverbale Kommunikationsverhalten, wie z.B. Zeigen, Kopfschütteln/-nicken betroffen. Auch das Weinen kann in solchen Situationen stumm erfolgen.

Zu unterscheiden ist hier der totale Mutismus, der sehr selten auftritt. Hier besteht ein völliges Verstummen bei allen sozialen Kontakten, sowohl familiär als auch im außerfamiliären Umfeld.

Wen betrifft Selektiver Mutismus? Entstehung und Risikofaktoren

Man kann zwischen einem „Frühmutismus“ (ab 3 bis 4 Jahre) und einem „Spätmutismus/Schulmutismus“ (ab etwa 5 ½ Jahre) unterscheiden. Meist fällt der Mutismus im Kindergartenalter auf. Aber auch Jugendliche und Erwachsene können an Mutismus leiden, wenn dieser nicht behandelt wurde.

Einige Zahlen vorab:

  • Es wird geschätzt, dass etwa 1-7 von 1000 Kindern selektiv mutistisch sind. Das entspricht 0,1 - 0,7 % der Kinder.
  • Im Schnitt sind Mädchen (1,6:1) etwas öfter betroffen als Jungs (1,2:1).
  • Der Mutismus wird nicht selten als eine extreme Form von Schüchternheit gedeutet.
  • 21,4% der untersuchten Kinder wachsen mit zwei Sprachen auf.
  • 28% haben einen Migrationshintergrund.

Die beiden letzten Phänomene sind voneinander zu unterscheiden: Nicht jedes Kind mit einem Migrationshintergrund wächst auch mehrsprachig auf und umgekehrt hat nicht jedes mehrsprachige Kind einen Migrationshintergrund.
Zwillingsstudien zeigen, dass eineiige Zwillinge häufiger betroffen sind als zweieiige. Das Hauptsymptom ist das Schweigen. Eine alleinige, direkte Ursache ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht festzumachen.

Vielmehr kommen mehrere Faktoren zusammen:

  • genetische familiäre Eigenschaft
  • abweichende Problemlösungsmechanismen
  • Übersteigerte Reaktion des Angstzentrums (Amygdala)
  • Hypokonzentration des Serotoninspiegels (Störung des Serotoninstoffwechsels)

Eltern selektiv mutistischer Kinder berichten von Familienmitgliedern, die von einer Angststörung, von Schüchternheit und selektivem Mutismus betroffen sind und/oder eine soziale Phobie haben sowie eine emotionale Störung. Das wird deutlich durch ein Vermeidungsverhalten innerhalb der direkten Familienmitglieder. Ängstliche und schüchterne Eltern beispielsweise, verhalten sich in sozialen Situationen eher zurückhaltend – sprechen deutlich weniger, bei Begegnungen mit anderen Menschen.

Einige Studien zeigen, dass häufig Familien betroffen sind, die wenig Kontakt zu Freunden oder andere soziale Kontakte haben. Kinder erleben so – entsprechend ihrem Temperament – dieses Verhalten als angemessen und haben weniger Möglichkeiten andere Verhaltensweisen zu lernen. Selektiver Mutismus steht häufig in Zusammenhang mit einer erhöhten Ängstlichkeit. Nach bisherigem Forschungsstand deutet Ängstlichkeit sowohl auf eine Ursache aber auch auf eine Folge hin. Risikofaktoren können z.B. sein: sprachliche Auffälligkeiten, Migration und Mehrsprachigkeit, einschneidende Ereignisse im Leben wie Schulwechsel, Umzug, Krankenhausaufenthalte.

Wie äußert sich der selektive Mutismus?

Oft sehen wir bei selektiv mutistischen Menschen zwei Seiten. Zu Hause oft das sprechfreudige Kind und in bestimmten Situationen und/oder bei Personen das mutistische und stumme Kind. Es scheint, als würden die aufgestauten Energien, die sich im Laufe des Tages in sozialen Situationen ansammeln, ein Ventil suchen, das zu Hause geöffnet wird. Selektiv mutistische Kinder können eine Sprachentwicklungsstörung aufweisen. Häufig können bei einem unbehandelten Mutismus weitere Begleiterscheinungen auftreten, wie z.B. Sozialphobie, Depressionen, Ängste, Phobien, Störungen des Schlafes, des Essens, der Ausscheidungsfunktion sowie Störungen des Sozialverhaltens.

Einige Merkmale, die selektiv mutistische Kinder zeigen können:

  • Bei direkter Ansprache erfolgt Schweigen, starre Körperhaltung, Mimik, Gestik, kein Augenkontakt.
  • Manche Kinder verhalten sich mehr oder weniger wie andere Kinder, sprechen aber nicht. Das Verwenden der Stimme wird meist vermieden. Zeigen oder Kopfnicken können möglich sein.
  • Es zeigt sich keine Entwicklung in Richtung sprechen.
  • Es wird jemand als „Sprachrohr“ eingesetzt. Einer vertrauten Person wird z.B. etwas zugeflüstert, was diejenige an eine weitere Person weitergibt, die für die/den Betroffene(n) spricht.
  • Auch beim Spielen können die betroffenen Kinder schweigen.
  • Das Schweigen kann sowohl bei Freund*innen als auch bei Erziehern*innen und Lehrkräften sowie Personen aus dem medizinischen Bereich erfolgen.
  • Abwehrendes, nach außen hin aggressiv andeutendes Verhalten, kann das Schweigen begleiten.
  • Das Kind hat Schwierigkeiten mit Begrüßungs-/Verabschiedungs-/Höflichkeitsfloskeln und Fragen.
  • Meist ist eine gute, schriftliche Leistung in der Schule zu erkennen.
  • Das Kind beobachtet sorgfältig seine Mitmenschen und das Umfeld.

Wichtig zu betonen ist, dass das mutistische Verhalten nicht absichtlich erfolgt und auch nicht persönlich genommen werden sollte. Die Betroffenen haben oft einen hohen Leidensdruck. 

Folgende Fragen können einen Hinweis auf einen selektiven Mutismus geben, wenn sie mit JA beantwortet werden können:

  • Besteht eine andauernde Unfähigkeit, in bestimmten Situationen zu sprechen (in denen das Sprechen erwartet wird, z.B. in der Kita, Schule), wobei in anderen Situationen normale Sprechfähigkeit besteht?
  • Behindert die Störung die schulischen Leistungen oder die soziale Kommunikation?
  • Dauert die Störung mindestens einen Monat an – und ist nicht auf den ersten Monat nach Kita-/Schulbeginn beschränkt?
  • Kann ein Unterschied festgestellt werden zwischen einem kommunikativen, sprechenden Verhalten und einem schweigenden?
  • Gibt es eine Voraussagbarkeit dieser Situationen?
  • Ist die Sprachentwicklung und das Sprachverständnis ausreichend für eine soziale Kommunikation?

Zur Diagnosestellung des selektiven Mutismus gehören allerdings mehr als die Betrachtung dieser Kriterien. Dennoch, die Beantwortung dieser Fragen, können Eltern eine Hilfestellung geben.

Schüchternheit und selektiver Mutismus – Unterscheidung

Als Basis für die Entwicklung eines selektiven Mutismus wird von einer grundsätzlichen Schüchternheit bzw. einem gehemmten Verhalten ausgegangen. Jedoch ist die reine Schüchternheit von einem selektiven Mutismus zu unterscheiden. Ein entscheidender Punkt ist, dass schüchterne Kinder zumindest eine Reaktion und nach einiger Zeit auch eine Antwort geben können. Dies bleibt bei mutistischen Menschen aus.

Schüchtern:

  • Das Kind kann nach einer Weile bzw. Gewöhnung an Umgebung und Situation sprechen
  • Das Kind sucht aktiv nach Möglichkeiten, um Vertrauen zu fassen und sich einzugewöhnen
  • Wenn dem Kind eine Frage gestellt wird, kommt meist zumindest ein Nicken, eine kurze Antwort o.ä.
  • Das Kind kann mitteilen, dass es ängstlich ist oder sich in der Situation nicht wohl fühlt
  • Es ist generell möglich, bei dem Kind eine Reaktion hervorzurufen

Selektiv mutistisch:

  • Auch nach einer Eingewöhnungszeit an Umgebung und Situation kommt keine Kommunikation zustande
  • Keine aktive Suche nach Strategien und Möglichkeiten zu sprechen
  • Bei einer Frage erfolgt keine verbale Kommunikation in fremden Situationen und/oder bei Personen
  • Meist hat das Kind eine erstarrte Haltung, Mimik und/oder es vermeidet Körpergeräusche
  • Das Kind verstummt, wenn es mitbekommt, dass Dritte zuhören (könnten)
  • Das Kind kann sich nicht mitteilen, auch wenn es auf die Toilette möchte, obwohl es in anderen Situationen ungehemmt sprechen kann (meist in der Kernfamilie)

Mutismus und Autismus – Unterscheidung

Häufig kommt es auch zu Verwechslungen zwischen dem (frühkindlichen) Autismus und Mutismus. Zum einen vermutlich wegen der ähnlichen Wortbezeichnung und zum anderen, weil allgemein ausführlicher über Autismus berichtet wird. Es gibt jedoch vier deutliche Unterscheidungsmerkmale. Vorab sei erwähnt, dass der frühkindliche Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung eingestuft wird, während der selektive Mutismus den Angststörungen zugeordnet wird und zu den überwindbaren Störungsbildern gehört.

Autismus stellt keine Angsterkrankung dar und begleitet den Menschen ein Leben lang. Einige Symptome, wie z.B. das „Einfrieren“ beim selektiven Mutismus, mögen gleich erscheinen. Autismus beschreibt die Art und Weise wie eine Person denkt und fühlt und unterscheidet nicht zwischen Situationen und Personen. Wenn jemand autistisch ist, ist er autistisch – in jeder Situation.

Autistische Menschen können auch stumm werden, insbesondere, wenn ein Meltdown passiert. Ein Meltdown ist meist ein Zusammenbruch, infolge einer Reizüberflutung, die nicht ausreichend gefiltert werden kann – ein Overload.

Bei selektiv mutistischen Menschen ist das Schweigen meist angstbedingt bzw. im Angstzentrum verankert. Außerdem ist die Vorhersehbarkeit eines selektiv mutistischen Verhaltens auch ein Hinweis. Selektiver Mutismus zeigt zwei Seiten: hier der sprechende und aktive und da der schweigende und erstarrte Mensch.

Vier Merkmale zur Unterscheidung Mutismus und Autismus?

Wenn ein autistischer Mensch schweigt, benötigt er andere Hilfestellungen als ein selektiv mutistischer Mensch. Hilfreich für die Unterscheidung zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem selektiven Mutismus sind folgende vier Kriterien:

1. Zeitpunkt des Auftretens

Bei mutistischen Kindern wird das besondere Kommunikationsverhalten normalerweise erst ab etwa 3 Jahren erkennbar und gewinnt an Bedeutung. Es fällt meist dann auf, wenn das Kind außerhalb der Familie nicht angemessen kommuniziert. Wenn das Kind z.B. in die KiTa kommt und hier nicht spricht.

Die autistischen Züge beim frühkindlichen Autismus werden normalerweise bereits im Säuglingsalter von den Eltern festgestellt, weil sich keine ausreichende, zufriedenstellende Bindung zueinander aufbauen lässt.

2. Kontinuität

Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass es selektiven Mutist*innen nur in besonderen Situationen nicht gelingt, zu sprechen oder ihre Gefühle zu zeigen.

Sich wiederholende Bewegungen oder Geräusche sind äußerst selten. Außerdem kommt ein selbstverletzendes Verhalten i.d.R. nicht vor. Mutist*innen scheinen zwei unterschiedliche Gesichter zu haben: hier das gehemmte und dort das gelöste und lebhafte Kind.

Autist*innen hingegen verhalten sich gleichbleibend zurückgezogen und sind eher kontaktarm. Sie können sich meist abwehrend/ablehnend gegenüber Reizen aus dem Umfeld verhalten. Das betroffene Kind nutzt wiederholende Bewegungen oder Geräusche, um sich bei Mangel an Reizen zu stimulieren oder bei Überlastung abzulenken (Stereotypien).

3. Affektivität

Die emotionale Form der Kontaktaufnahme ist beim Mutismus unter bestimmten Bedingungen möglich. Mutistische Kinder sind in den Situationen, in denen sie sich ungehemmt verhalten und lebhaft sprechen überaus emotional, suchen geradezu den äußerst engen Kontakt zu einem Elternteil, meistens zur Mutter.

Bei dem frühkindlichen Autismus ist eine emotionale Kontaktaufnahme unter bestimmten Bedingungen bedingt möglich. So zeigt sich z.B. oft auch gegenüber den Eltern selten ein Blickkontakt, das Fehlen bzw. ein Mangel der geteilten Aufmerksamkeit.

4. Sprachkompetenz

Bei der Sprachentwicklung konnte man feststellen, dass Aussprache, Grammatik und Wortbedeutung bei ca. 50% der mutistischen Kinder altersgemäß ist. Mutist*innen verfügen über eine altersentsprechende Entwicklung der Schriftsprache. In vielen Fällen ist der schriftliche Ausdruck sogar überdurchschnittlich gut. Er wird auch oft zu Beginn aufgrund des Schweigens z.B. in der Schule, als Ausgleich eingesetzt.

Bei den meisten autistischen Kindern gibt es häufig keine altersgemäße Entwicklung auf den linguistischen Ebenen. Gründe sind neurolinguistische und neuromotorische Störungen. Bei Autist*innen wird festgestellt, dass sie Gehörtes automatisiert und zwanghaft wiederholen. Auch Wortneuschöpfungen finden oft statt. Die Schriftsprache bleibt ihnen oft verschlossen oder lässt sich nur durch unterstützte Kommunikation entwickeln.

Merkmale Zusammengefasst:

Autismus

  • Anzeichen sind i.d.R. im Säuglingsalter beobachtbar und bleibt zeitlebens
  • Besondere Kommunikationsformen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie
  • Emotionaler Kontakt ist nicht oder nur bedingt möglich
  • Sich wiederholende, immer gleiche Abläufe in der Sprache und in der Motorik
  • Selbstverletzendes Verhalten ist möglich
  • ~ 0,35 % aller Kinder

Mutismus

  • Deutliche Anzeichen sind i.d.R. ab ca. dem 3. Lebensjahr zu beobachten, z.T. auch im Krabbelgruppenalter und ist überwindbar
  • Nicht-Sprechen unter bestimmten Bedingungen, „zwei Gesichter“
  • In ungehemmten Situationen emotional, lebhaft, suchen engen Kontakt (meist zur Mutter)
  • Äußerst selten selbstverletzendes Verhalten
  • Sprachentwicklung bei ca. 50% altersgemäß
  • ~ 0,7 % aller Kinder

Was können Eltern tun?

Wenn Eltern vermuten, dass es sich bei ihrem Kind um selektiven Mutismus handeln könnte und sich die Hinweise verstärken, ist es ratsam, dies professionell abklären zu lassen. Ein Test kann dann durchgeführt werden. Das ist wichtig, denn je früher der Mutismus erkannt wird, desto besser ist die Prognose, ihn zu überwinden.

Mütter und Väter können Kontakt zu einem Kinder-/Hausarzt*in, HNO-Arzt*in oder Psychiater*in aufnehmen. Diese Ärzt*innen können eine Heilmittelverordnung für eine Sprachtherapie/Logopädie ausstellen, um eine erste Abklärung und Beratung durchzuführen. Eine Therapie kann bei spezialisierten Psychologen und Logopäden durchgeführt werden.

Gab es bisher noch keine Therapie, können bis dahin folgende Tipps helfen:

  • Fähigkeiten und Ressourcen des Kindes fördern. Was kann das Kind besonders gut?  Was können Geschwisterkinder vom mutistischen Kind lernen? Stärken des Selbstwertgefühls.
  • In fremden Situationen nicht zusätzlich unter Druck setzen: Das Drängen oder zum Sprechen auffordern, könnte die Überwindung beim nächsten Versuch erschweren.
  • Das Kind nicht in den Mittelpunkt stellen und nicht im Beisein des Kindes über es sprechen. Auch in Begleitung von anderen Menschen vermeiden im Beisein des Kindes es als „nicht sprechendes Kind“ oder „Schweiger“ zu betiteln. Positiv bestärken, dass es noch nicht spricht oder es übt zu sprechen und es schafft.
  • Nicht das Kind ausgrenzen: Dem Kind zutrauen, die gleichen Aufgaben, wie die Geschwister in Bezug zum Alter zu machen. Bei Aktivitäten mit einbeziehen. Die Selbstständigkeit fördern.
  • Erste Äußerungen des Kindes nicht hervorheben.
  • Klare Strukturen und Rituale schaffen Vertrauen und Konstanz.
  • Die Freude am Sprechen wecken. Mit Humor und Motivation. Instrumente und andere Spielzeuge mit Klängen können einbezogen werden.
  • Soweit möglich, ein Vorbild in sozialen Interaktionen sein. Freundschaften knüpfen und pflegen.
  • Ernährung und Sport: Geeignete Nahrungsmittel können den Serotonin- und Dopaminhaushalt steigern (z.B. Walnüsse, Bananen, Avocados, Ananas, Tomaten, Pflaumen). Durch sportliche Aktivitäten können die Glückshormone (Endorphine) und die mentale Fitness gesteigert werden. Z.B. 2-3-mal pro Woche für 30 Minuten.
  • Eine Mutkiste erstellen mit den Dingen, die das Kind schon geschafft hat.
  • Bücher, die das Schweigen und das Mutigsein zum Thema haben, lesen und besprechen.

Wichtig zu betonen ist, dass das Schweigen mit professioneller Hilfe überwunden werden kann. Mutismus muss kein Schicksal sein. Mit gemeinsamer Kraft können Eltern und ihr Kind das schaffen!

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Wo gibt es Infostellen?

Wenn ein Kind die Diagnose des selektiven Mutismus hat, können Eltern eine mutismusspezifische Therapie beginnen. Hierbei gibt es vielfältige Angebote und Möglichkeiten. Wichtig bei der Suche ist die Expertise und Erfahrung des Therapeut*in.

Je nach Charaktereigenschaften des betroffenen Kindes, kann in der Therapie eine Kombination aus empathischem Vorgehen, dem Rhythmus des Kindes folgend und einer direktiven Art der Therapie mit mutistischen Menschen zum Erfolg führen. Die Dauer der Therapie hängt von den unterschiedlichsten Faktoren der individuellen Situation ab. So kann eine Therapie zeitlich umso effektiver voranschreiten, je mehr unterstützende Ressourcen vorhanden sind und je besser die Methoden und Strukturen anderer fachlicher (wissenschaftlicher) Teilgebiete greifen.

Es gibt Therapeutennetzwerke, die sich mit der Behandlung von mutistischen Menschen auskennen. Und wenn die Chemie dann stimmt, kann es losgehen.

Ambulante Möglichkeiten in Wohnortnähe lassen sich hier finden:

www.mutismus.de
www.selektiver-mutismus.de


Quellen
(Katz-Bernstein 2011)
(Bergmann et al. 2002, Dummit et al. 1997)
(Katz-Bernstein 2007, Starke 2014)
(Subellok et al. 2010)
(Dobslaff 2005)
(Anlehnung am strukturellen Vergleich, vgl. Hartmann/Lange 2017,
Ratgeber Mutismus-Autismus: Scheinähnlichkeit und wirkliche Unterschiede,
vgl. Kutscher, 2013, StillLeben e.V.) Autismus (ICD-10 F84.0)
(vgl.  Hartmann, B; Lange, M. 2021)