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Kitakind, Schulkind Mädchen ohne Zähne lacht frech in die Kamera
Format: Artikel – Schreibfeder auf dem Tisch
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Milchzähne fallen aus – Die Wackelzahnpubertät

Autorin – Andrea Zschocher | Lesezeit: Etwa 8 Minuten

Ein Erlebnisbericht über Kinder zwischen Größenwahn und Kuschelbedürfnis, ausfallende Milchzähne, innerer und äußerer Veränderung.

Plötzlich ist alles anders. Meine gerade noch recht umgängliche Sechsjährige ist wütend, laut und verbreitet schlechte Laune. Das ist sehr untypisch für sie, die ich in den letzten Jahren immer als recht ausgeglichen erlebt habe. Im ersten Moment muss ich schlucken und frage mich, wo denn mein harmoniebedürftiges Kind hin ist? Statt kuscheln ist hier eher streiten an der Tagesordnung, statt gemeinsamen Erlebnissen verbringen wir Zeit in getrennten Zimmern. Angefangen hat das alles ganz plötzlich, als meine Tochter knapp fünfeinhalb Jahre alt war. Zunächst dachte ich mir nichts dabei, denn wir alle haben ja mal auch andauernder schlechte Laune – das gestehe ich meinen Kindern selbstverständlich auch zu. Aber irgendwann war klar: Da steckt was anderes als ein kleines Tief dahinter.

Neue Zähne verändern ein Kind innerlich und äußerlich

Meine Tochter hatte ihre ersten bleibenden Backenzähne bekommen, eine Info, die die Kinderzahnärztin nur ganz am Rande erwähnt hatte. Ich selbst hatte die neuen (bleibenden) Zähne gar nicht bemerkt. Die Zahnärztin erklärte, dass das zweite Zahnen, (und das ist es ja, wenn wir mal ganz genau sein wollen), oft mit Kopf- oder Ohrenschmerzen einhergeht. Und Schmerzen machen ja per se schon mal schlechte Laune.
Die neuen Zähne waren für mich einerseits eine Erklärung für die Wut und das Gemotze, andererseits  auch die Hoffnung darauf, dass die lauten Tage bei uns Zuhause gezählt sein würden. Denn wie oft bekommen Kinder schon neue Zähne?
Wackelzähne und Backenzähne sind ab dem fünften Lebensjahr ein Dauerthema. Denn es fallen ja immer wieder Milchzähne aus. Nachdem der erste neue Backenzahn durch war,  fing bei meiner Tochter der vordere obere Schneidezahn an zu wackeln. Mir war klar, dass wir als Familie uns nun in einer neuen Phase befanden. Willkommen in der Wackelzahnpubertät, dachte ich. Das ist diese Phase, in der wir Eltern eigentlich die Hoffnung haben, dass wir für eine Weile erst mal alle Phasen überstanden haben. Die Wackelzahnpubertät schließt an die Autonomiephase an und wird dann von der (Vor)Pubertät abgelöst. An der alten Weisheit, dass alles im Leben mit Kindern eine Phase ist, ist also sehr viel Wahres dran.

Wackelzahnpubertät: Die Zeit der explosiven Gefühle

Die Wackelzahnpubertät ist eine Zeit, die von sehr explosiven und auch widersprüchlichen Gefühlen geprägt ist. Sie ist eine Zeit der Suche nach einem Halt, nach Beständigkeit und gleichzeitig ist da dieser große Kinderwunsch nach Loslassen. „Nicht mehr klein und noch nicht groß“, so habe ich mein Buch über die Wackelzahnpubertät genannt. Weil es den Nagel so auf den Kopf trifft.

Unsere Kleinen sind plötzlich gar nicht mehr so klein, sie streben danach, Dinge allein zu machen. Sie wollen uns nicht immer bei allem dabei haben (was vor wenigen Jahren ja noch so wichtig für sie war) und sie erklären uns sehr deutlich, dass sie uns eigentlich gar nicht mehr brauchen. Meine Sechsjährige war jedenfalls gedanklich schon mehr als einmal ausgezogen, weil sie davon überzeugt ist, dass sie uns Eltern gar nicht mehr braucht und allein sowieso viel besser zurechtkommt.

Der Größenwahn, den mein Kind an den Tag legt, lässt mich oft staunen. Mich macht es sprachlos, wie selbstverständlich sie glaubt, alles zu wissen und alles zu können. Gleichzeitig bewundere ich diese Selbstüberschätzung fast ein bisschen. Wäre es nicht toll, wenn wir Eltern uns davon eine Scheibe abschneiden würden und uns selbst ebenso bedingungslos großartig finden, wie unsere Kinder sich selbst feiern? Das habe ich auf jeden Fall von meiner Tochter in dieser Wackelzahnpubertät noch mal neu gelernt, das eigene Licht nie unter den Scheffel zu stellen und sich (manchmal) selbst so richtig toll zu finden. Machen wir alle viel zu selten.

Wo Größenwahn ist, das ist aber auch das Gegenteil nicht weit. Plötzlich fühlen sich die Wackelzahnkinder wieder ganz klein, brauchen Hilfe bei Dingen, die eigentlich schon so gut allein geklappt haben. Wundert euch nicht über ganz verkuschelte Sechs- oder Siebenjährige, die kaum von eurer Seite weichen. Sie tanken Nähe, um sich für all die Veränderungen, die sie in sich spüren gewappnet zu sein. Eigentlich eine der schönsten Liebesbekundungen an uns Eltern, die es gibt. Weil unser Nachwuchs uns einmal mehr zeigt, wie wohl und sicher er sich bei uns fühlt. Wenn die Welt ihnen Angst macht, dann sind Mama und Papa eben der Fels in der Brandung, dann sind wir Eltern die Menschen, die mit einer Umarmung und ein paar aufmunternden Worten alles wieder in Ordnung bringen.

Übermut und Sehnsucht nach Geborgenheit

Klingt alles ganz wunderbar harmonisch oder? Einerseits dieser Übermut und anderseits diese Sehnsucht nach Geborgenheit, das schaffen wir Eltern doch mit links. An dieser Stelle muss ich herzlich lachen, weil mein Alltag mit Wackelzahnkind eindeutig noch chaotischer geworden ist. Und lauter. Denn diese Emotionen, die jetzt plötzlich immer wieder auftauchen, die sind oft gleichzeitig da. Eine wahre Gefühlsachterbahn kommt da in Fahrt und manchmal frage ich mich, wieso ich nicht eine Runde aussetzen kann.

Es ist, zumindest bei uns, auch stellenweise sehr laut. Denn die großen Gefühle, die haben Wucht und die müssen natürlich auch explosionsartig in die Welt gebrüllt werden. Und dann wieder leise geflüstert werden. Manchmal ist mir das zu viel und dann verabreden meine Tochter und ich eine Auszeit, in der wir uns mit Büchern und Comics zurückziehen und nebeneinander auf dem Sofa schweigen. Das geht nämlich mit kleinen großen Kindern auch ganz wunderbar.

Bleibt offen und nehmt alle Gefühle an

Ich kann euch nur empfehlen diese neue Phase anzunehmen mit all den Gefühlen, die sie eben begleiten. Sie ist eine Chance, dass ihr eure Kinder ganz neu kennenlernt. Denn sie lassen uns an ihrer sich veränderten Welt teilhaben, wir können plötzlich mit ihnen philosophieren. Sie stellen alles in Frage und das ist, bei aller Anstrengung, ein wahnsinniges Geschenk. Wir Eltern wollen, dass unsere Kinder nicht alles als gegeben hinnehmen, sie sollen eine eigene Meinung bilden und dafür einstehen. Sie lernen jetzt zu diskutieren, Argumente abzuwägen, Kompromisse zu schließen. Das müssen sie üben und die Wackelzahnpubertät ist die Zeit, in der wir sie dabei begleiten können.

Bleibt offen und verliert nie den Blick für eure wunderbaren Kinder. Im größten Geschrei fällt das sicher nicht immer leicht, da geht es mir wie euch. Wer findet das schon toll, wenn ihm so geballte Wut entgegenschlägt. Aber bei all den hochkommenden Emotionen sind es immer noch eure bezaubernden Kindern mit den klugen Gedanken, dem großen Herzen, dem Löwenmut und diesem untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit. Unsere Aufgabe als Eltern ist das Begleiten unserer Kinder durch die aufregende Zeit der Wackelzahnpubertät. Wir sind der Fels in der Brandung und der Fels, an dem sie sich reiben. Wir sind und bleiben die wichtigste Bezugsperson für unsere großen Kleinen. Und das ist ein großes Geschenk, das sie und uns durchs Leben trägt.

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Autorin – Andrea Zschocher

Dieser Artikel wurde von Andrea Zschocher verfasst. 
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