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Elternfrage

Was ist die Trotzphase oder Autonomiephase?

Autorin – Melanie Schüer | Lesezeit: Etwa 8 Minuten

„Ich erkenne mein süßes Baby nicht wieder!“ So empfinden viele Eltern, wenn sich die Trotzphase, auch Autonomiephase genannt, ankündigt. Die ersten Vorläufer der Trotzphase können bereits gegen Ende des ersten Lebensjahres auftreten, wenn ein Baby lautstark protestiert, wenn es etwas nicht gleich bekommt. Doch erst gegen Ende des zweiten Lebensjahrs ist ein Kind in der Lage, sich als eigenes Wesen zu erleben und sich von den Eltern mit einer Trotzreaktion abzugrenzen. Trotz bei Kindern ist also ganz normal und die Trotzphase gehört zur gesunden Entwicklung eines Kleinkindes dazu.

Meist ist die Autonomiephase/Trotzphase mit vier bis fünf Jahren abgeschlossen. Wie immer entwickelt sich jedes Kind individuell: manchmal beginnt die Autonomiephase schon mit 18 Monaten und manchmal ist sie bereits mit drei Jahren überstanden.

Kleiner Junge mit wuscheligem Haar weint.

Was die Trotzphase ist

Spätestens wenn sich dein Kind aus heiterem Himmel auf den Boden schmeißt, schreit und scheinbar durch nichts zu beruhigen ist, weißt du, wie hilflos man sich mit einem Kleinkind in der Trotzphase fühlen kann. Während man früher davon ausging, dass der Trotz eines Kindes nur dann entsteht, wenn man nicht autoritär genug auftritt, weiß man heute, dass die Autonomiephase nichts damit zu tun hat, dass Kinder Tyrannen sind, die man bändigen muss, damit sie einem nicht auf der Nase herumtanzen.

Vielmehr geht es darum, dass dein Kind seinen eigenen Willen entdeckt, aber von seiner Hirnentwicklung noch nicht in der Lage ist, die damit verbundenen Gefühle zu kontrollieren. So wie sich dein Kind wunderbar freuen oder herzhaft lachen kann, so stark sind auch die Gefühle wie Wut oder Ärger. Alle diese Gefühle äußern sich spontan und unkontrolliert. Je älter dein Kind wird, desto besser kannst du mit ihm darüber reden. In der Trotzphase entdeckt dein Kind entdeckt sein „Ich“. Aber es braucht das „Du“, also dich als Mutter oder Vater, um diese neuen, unbekannten Gefühle steuern zu können. Auch Terminstress oder zu viel Mediennutzung können Kleinkinder überfordern und emotional an den Rand bringen.  Eine sehr anstrengende Begleiterscheinung dieser Entwicklungsphase sind Trotz- oder Wutanfälle.

Darunter leidet dein Kind genauso stark wie du selbst. Nicht immer lassen sich Trotzanfälle vorhersehen. Doch sie treten häufiger auf, wenn dein Kind müde und deshalb schneller frustriert ist, oder wenn du selbst z.B. zeitlich stark unter Druck bist und dir deshalb die Geduld und Gelassenheit für das langsamere Tempo deines Kindes fehlt. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Eltern und des Kindes kennzeichnen die Trotzphase. Eltern müssen erst lernen, dass aus dem hilflosen Baby ein Kleinkind mit eigener Persönlichkeit wird, das seine eigenen Gefühle, eigene Interessen und ein eigenes Tempo hat. Es beginnt ein Prozess des „Aushandelns“, der sich sehr viel später noch einmal in der Pubertät wiederholt. Diese wird deshalb manchmal auch als „zweite Trotzphase“ bezeichnet.

Wie die Hirnforschung die Trotzphase erklärt

Trotz bei Kindern hat viel mit der Entwicklung des Gehirns zu tun. Sehr vereinfacht gesagt hat jeder Mensch einen Gehirnbereich, der für die Vernunft zuständig ist. Man spricht auch vom oberen Gehirn, der Zentrale für Vernunft, planvolles Handeln, Steuerung. Das „untere Gehirn“ wird auch Reptiliengehirn genannt, wird komplett vom Gefühl und von angeborenen Instinkten gesteuert. Es ist von Geburt an voll entwickelt.

Ganz anders das obere Gehirn: es entwickelt sich über viele Jahre, baut sich immer wieder um und ist erst mit ca. 25 Jahren voll entwickelt. Für kleine Kinder, aber auch noch für Jugendliche, ist Selbstkontrolle deshalb schwierig und oft unmöglich. Einem Kind im Trotzalter zu sagen „sei doch mal vernünftig“ ist genauso überfordernd, als würde man sagen „sprich doch endlich mal chinesisch“.  Auch Strafen wirken deshalb nicht, da sie voraussetzen, dass ein Kind absichtlich trotzt. Aber planvolles, kontrolliertes Handeln ist in diesem Entwicklungsstadium des Gehirns schlicht unmöglich.

Wie Eltern ihr Kind in der Trotzphase begleiten können

Wenn du dein Kind gut durch die Trotzphase begleiten möchtest ist es wichtig, bei dir selbst anzufangen: wie streng hast du deine Eltern erlebt? Wie wichtig ist Autonomie und Freiheit für dich selbst? Aber auch: wie anstrengend ist dein Alltag mit Kleinkind? Kommst du zum Luftholen? Kannst du mit deinem Partner/deiner Partnerin über die auftretenden Wutanfälle sprechen? Du ahnst es schon: deine eigene Haltung ist für die Bewältigung der anstrengenden Autonomiephase von großer Bedeutung. Wenn du selbst erschöpft bist, kannst du kaum Kraft oder Geduld für dein trotzendes Kind aufbringen.

Auch wenn du in deinem Elternhaus eher Strafen als Verständnis erlebt hast, ist es vielleicht schwer, selbst eine andere Erziehungsmethode anzuwenden. Deshalb ist der erste Schritt zur Bewältigung der Trotzphase schwer und einfach zu gleich: sie zu akzeptieren und sich als notwendige Entwicklungsphase darauf einzustellen, genauso wie du dich darauf einstellst, dass die Schuhe deines Kindes bereits wieder zu klein geworden sind. Gelassenheit, Humor und gegenseitige Unterstützung durch Partner oder Freunde helfen dir jetzt am meisten. Dein Kind braucht dich. Es liebt dich, auch wenn es laut und deutlich „nein“ sagt und sich scheinbar „egoistisch“ verhält.

Tipps zum Umgang mit Trotzanfällen

In unserem Handbuch „Liebevoll Grenzen setzen“ findest du viele Tipps und Hintergrundwissen zur Autonomiephase. Hier eine kleine Auswahl:

  • Sei da für dein Kind. Manchen Kindern hilft es, sie fest in den Arm zu nehmen, damit sie sich wieder selbst spüren können, wenn der Gefühlsausbruch sie überschwemmt hat. Andere Kinder wollen eher sanft gestreichelt werden. Manche Kinder möchten genau dann keinerlei Berührung und ziehen sich lieber zurück: probiere aus, was deinem Kind hilft.

  • Manchmal hilft es, gemeinsam mit dem Kind den Raum zu wechseln. Die andere Umgebung kann es ablenken und aus seinem „Tunnel“ zurückholen.

  • Außerdem hilft es, wenn du seine Gefühle aussprichst:   „Ich sehe, dass du wütend bist“. Indem du dieses überwältigende Gefühl mit einem Begriff belegst und es in Worte fasst versteht dein Kind, dass es etwas Normales ist, was gerade mit ihm passiert.

  • Mit der Zeit gelingt es dir, erste Anzeichen für einen Wutanfall zu erkennen: quengeln, nörgeln, Müdigkeit. Versuche dann, Druck herauszunehmen, deinem Kind besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Manchmal lässt sich der Wutanfall dadurch abfangen.

  • Den Trotzanfall aushalten: manchmal muss die Wut einfach raus! Auch Kleinkinder brauchen ein Ventil, um diese starken, negativen Gefühle loszuwerden. Älteren Kindern kann man helfen, indem man sie z.B. in ein Kissen boxen lässt. Auf keinen Fall strafen, ins Zimmer sperren o.ä.

  • Nach einem besonders heftigen Trotzanfall ist es gut, etwas gemeinsam zu unternehmen. Das zeigt deinem Kind, dass du nicht nachtragend bist, sondern dass du es genauso lieb hast wie vorher. Achte aber darauf, nach einem Trotzanfall nicht regelmäßig etwas „Besonderes“ zu machen. Es geht eher um liebevolle Zuwendung, z.B. durch gemeinsames Lesen oder ein kleines Spiel. Sonst kann schnell der Eindruck entstehen, du würdest dein Kind indirekt für Wutanfälle „belohnen“.

Autorin – Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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