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Elternfrage

Wie Kann man Frustrationstoleranz bei Kindern steigern?

Autorin – Melanie Schüer | Lesezeit: Etwa 9 Minuten

Auch schon die Allerkleinsten kennen Frustration. Ab etwa zwei Jahren, wenn Kinder anfangen zu trotzen, ist häufig Frustration die Ursache. Wutanfälle, wildes Um-sich-schlagen, sich schreiend auf den Boden werfen – all das sind Ausdrücke akuter Frustration, die abgebaut werden will. Auch mancher Geschwisterstreit entsteht aus Frustration. Und nicht nur aus den Medien kennen wir die Aggression frustrierter Jugendlicher.

Für Eltern ist Frustration bei Kindern nur schwer zu ertragen und oft sehr anstrengend. Je kleiner die Kinder, desto schwerer kann Frustrationstoleranz gesteigert werden. Warum das so ist, kann sowohl psychologisch als auch mit Erkenntnissen der Hirnforschung erklärt werden. Erst mit zunehmendem Alter lernen Kinder nach und nach, ihre Gefühle nicht sofort auszuleben und ihre Frustrationstoleranz zu steigern. Der Umgang der Eltern mit der eigenen Frustration ist dabei das wichtigste Vorbild.

Mutter hält wütenden Jungen auf dem Arm.

Wie Frustration bei Kindern entsteht

Die psychologische Erklärung für das Entstehen von Frustration bei Kindern wie bei Erwachsenen ist einfach zu beschreiben: wir haben ein starkes Bedürfnis, das nicht erfüllt wird. Dann sind wir frustriert, und es entstehen ausgeprägte, negative Gefühle wie Ärger, Wut oder Verzweiflung. Wenn z.B. meine Liebe nicht erwidert wird, wenn mir in der langen Schlange das letzte Ticket vor der Nase weggeschnappt wurde, wenn ein Kollege die ersehnte Beförderung erhält, kann ich auch als Erwachsener heftige Frustration erleben – verbunden mit starken Gefühlsausbrüchen. Meist gelingt es einem Erwachsenen, diese Gefühle zu kontrollieren statt sie direkt auszuleben. Er besitzt bereits eine Frustrationstoleranz.

Die Hirnforschung erklärt die Entstehung von Frustration so: die einzelnen Bereiche unseres Gehirns sind für unterschiedliche Funktionen zuständig. Manche Bereiche sind von Anfang an sehr gut entwickelt; andere reifen erst nach und nach. Das Kontrollzentrum, die obere Hirnhälfte, ist für rationales Denken und die Vernunft zuständig. Sie ist erst etwa ab dem 25. Lebensjahr ausgereift. Anders die untere Hirnhälfte, die für Instinkte und Gefühle zuständig ist. Sie ist von Anfang an aktiv. Sie sichert uns das Überleben: ein Baby schreit, wenn es Hunger hat, so lange, bis es gefüttert wird. Es ist nicht in der Lage, dieses Gefühl zu kontrollieren. Es besitzt keinerlei Frustrationstoleranz und hat kein Empfinden für Raum und Zeit. Es braucht seine Eltern sofort.

Zudem können Babys und Kleinkinder sich noch nicht in die Position anderer hineinversetzen. Die Fähigkeit, zu verstehen, dass andere etwas anders erleben als ich, entwickeln Kinder erst ab ca. 4-5 Jahren.
Wenn also die Gefühle sehr stark sind, dieFähigkeit zur Kontrolle und Perspektivübernahme aber noch zu schwach ausgeprägt ist, entsteht Frustration, die sich bei Kleinkindern z.B. in Trotz- oder Wutanfällen äußert. Sie werden von ihren starken Gefühlen regelrecht „überschwemmt“ und sind nicht in der Lage sie zu unterdrücken oder zu regulieren. Sie haben noch keinerlei Frustrationstoleranz. Ein Kleinkind, das sich gerne die Schuhe alleine schnüren möchte ist frustriert und fängt an zu weinen. Ein Kitakind, das Freunde vom Spielen ausgeschlossen haben, schlägt im Vorübergehen ein anderes Kind, um Frust abzubauen. Das Schulkind, das frustriert ist über eine schlechte Note, schmettert die Schultasche in die Ecke usw. Es gibt viele alltägliche Szenen, die auf Frustration zurückzuführen sind.

Erst im Lauf der Jahre lernen Kinder den Umgang mit ihren Gefühlen. Neben der Entwicklung ihres Gehirns spielen aber auch Eltern als Vorbilder eine große Rolle. Kinder beobachten, wie Erwachsene mit Frustration umgehen und lernen von ihnen – im Guten wie im Schlechten. Wenn Eltern häufig laut werden oder ihre Kinder gar schlagen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die Kinder Konflikte mit aggressivem Verhalten und lautem Schreien lösen wollen.

So können Eltern ihre Kinder bei Frustration unterstützen

Wenn dein Kind aggressiv wird oder ausrastet, braucht es deine Unterstützung. Du kannst ihm helfen, sich zu beruhigen. Das fängt schon im Trotzalter an. Lies hier, wie du dein Kind durch die Trotzphase begleiten kannst.

Wichtig ist, dass du dir Gedanken über die Ursachen der Frustration machst. Vielleicht kannst du dafür sorgen, dass weniger Frust entsteht, wenn du die Bedürfnisse deines Kindes besser erkennst. Zwei Beispiele: Ein sehr neugieriges und aktives Kleinkind kann frustriert sein, wenn es immer nur zuschauen darf, wie du in der Küche mit Töpfen hantierst. Es möchte mitmachen. Räume ihm eine Schublade in seiner Höhe mit alten Kochutensilien ein, die nicht kaputtgehen können. Ein Schulkind, das sofort nach dem Essen Hausaufgaben machen soll, obwohl es eine Pause braucht, ist schneller frustriert, wenn es eine Aufgabe nicht lösen kann. Dann kann man ausprobieren, ob man andere Regeln verabreden kann, z.B. eine Stunde spielen und dann erst Hausaufgaben machen.

Um Kinder mit ihrer Frustration nicht alleine zu lassen, ist es wichtig, sie emotional zu erreichen. Es hilft, wenn du für dein Kind seine starken Gefühle in Worte fasst, z.B.: „Du bist jetzt wütend, weil du die Aufgabe nicht schaffst. Kann es sein, dass du eine Pause brauchst? Was könnte dir jetzt helfen?“ Je älter dein Kind ist, desto besser lernt es dadurch, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszusprechen. Dadurch, dass du stellvertretend den Frust benennst, lernt es, Konflikte im Gespräch zu lösen. Es übt mit dir, dass man Gefühle nicht einfach ausleben kann, da man sonst andere verletzt.

Es sind viele kleine Schritte, die deinem Kind helfen, die Frustrationstoleranz zu erhöhen. Wenn dein Kind oft aggressiv und wütend ist und du dich fragst, was du gegen seine Wutanfälle tun kannst, findest du bei ElternLeben.de hilfreiche Tipps.

Warum Strafen schaden, Grenzen aber wichtig sind

Um die Frustrationstoleranz bei Kindern zu erhöhen, müssen sie lernen, mit Grenzen umzugehen. Schon ein Kleinkind lernt durch ein klares, freundliches „nein“ dass es nicht auf die Herdplatte fassen oder mit der Blumenerde spielen darf. Der Frust, der dabei entsteht, wird gut verarbeitet, wenn du deutlich machst, warum du ein „nein“ sagst und die Wut deines Kindes liebevoll akzeptierst: „Die Platte ist heiß, das tut weh! Aber ich verstehe, dass du wütend bist. Das ist ok“. Dein Kind lernt, dass du es beschützen willst und dass du es auch bei einem klaren „nein“ als Person trotzdem liebst. Sind Geschwister da, kommt das Erlernen des Sozialverhaltens hinzu: durch Beobachten lernen schon Kleinkinder, dass man anderen nicht schaden darf und dass der große Bruder z.B. böse wird, wenn man einfach seine Lego-Burg zerstört. Eltern brauchen hier viel Fingerspitzengefühl und starke Nerven, um einerseits freundlich zu bleiben, andererseits aber auch sehr klar ihren Standpunkt vertreten. Grenzen helfen Kindern, sich im Leben zu orientieren.

Aber man sollte diese Grenzen nicht mit Gewalt oder Strafen durchsetzen. Das Gesetz verbietet körperliche Gewalt. Eltern, die ihre Kinder schlagen oder misshandeln, machen sich strafbar. Misshandelte Kinder leiden oft ihr ganzes Leben unter den Folgen der Schläge in der Kindheit. Auch scheinbar sanfte Methoden, wie Aussperren, im Zimmer einschließen oder Liebesentzug sind Gewalt gegen Kinder. Hier trifft es die Seele, die genauso leidet, wie der Körper.

Hinzu kommt, dass Strafen in der Erziehung wenig taugen: sie bringen einen kurzfristigen Erfolg, weil ein Kind aus Angst ein bestimmtes Verhalten unterdrückt. Aber es lernt nichts aus der Situation. Es konzentriert sich nur auf die Folgen seines Verhaltens, nicht auf die Einsicht, warum das Verhalten schlecht ist. Eine schreckliche Spirale beginnt: weil ein frustriertes Kind sein negatives Verhalten wiederholt, muss die Strafe immer schlimmer sein. Ein Kind aber, das noch nicht in der Lage ist, seine Impulse zu kontrollieren, wird die Strafe als ungerecht empfinden und sich noch stärker auflehnen als zuvor. Der große Pädagoge Jesper Juul sagte es so: Eltern sollten mit ihren Kindern kooperieren, die Dinge ansprechen, und gemeinsam nach Lösungen suchen. 

Autorin – Melanie Schüer

Dieser Artikel wurde von Melanie Schüer verfasst.
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